"Jedermann"-Festspiele

Der alte Mann und seine junge Liebste

Bussi-Bussi im Berliner Dom: Nachdem sich auch Jenny Elvers-Elbertzhagen noch für die Fotografen zurechtgedreht hat, beginnen zum 25. Mal die Berliner "Jedermann"-Festspiele. Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel um das Sterben des reichen Mannes ist nicht nur in Salzburg ein gesellschaftliches Ereignis.

Seit 1987 lädt die Schauspielerin und Regisseurin Brigitte Grothum alljährlich zu den Festspielen, die anfangs in die Kreuzberger Südsternkirche, dann in der Gedächtniskirche und seit 1993 im Dom stattfinden.

Prominent besetzt sind nicht nur die Zuschauerreihen bei der Premiere, sondern auch die Rollen - angeführt von DDR-Filmstar Winfried Glatzeder, zum dritten Mal als Jedermann, und Barbara Wussow als neuer Buhlschaft. Glänzend ist die Kulisse: Agiert wird im Altarraum, und die Theaterscheinwerfer bringen die Zuschauergesichter zum Leuchten wie zuvor das Blitzlicht der Fotografen. Die Gesellschaft vor der Bühne spiegelt sich in der Versammlung auf dem samtrot ausgeschlagenen Podest: Der reiche, egoistische Jedermann und seine junge Liebste - Barbara Wussow in ausladendem Rot, mit Bändern und Blütenkranz im Haar wie eine mädchenhaft lächelnde Erntekönigin - laden zum Fest.

Grotesk überschminkt und sorgfältig frisiert, lärmt die Bagage in Ballkleidung um eine lange Tafel, vor den Altarfiguren der Apostel drapiert im Stil von da Vincis Abendmahl. Wussow drückt Glatzeder ihren Blumenkranz als Dornenkrone auf den Kopf: Dem hohläugigen Tod (Sascha Gluth) ist Jedermann begegnet, er muss Rechenschaft ablegen über sein sündig-materialistisches Leben. Schwach sind seine Werke (edel: Debora Weigert), die ihn vor Gottes Richterstuhl begleiten könnten. Denn Freunde, Verwandte und - nach einem letzten Kuss - auch seine Buhlschaft haben ihn verlassen, mit lautem Schreien vor dem Tode flüchtend. Gutes hat er kaum getan, speiste er doch den armen Nachbarn (Herbert Köfer), der verlegen seinen Hut zerdrückt, mit einer Münze ab und warf den Schuldknecht (Michael Jussen) in Gefangenschaft. Christliche Barmherzigkeit und das heilige Sakrament der Ehe, von seiner Mutter (aufrecht: Ursula Karusseit) angemahnt, verschob er auf spätere Jahre. Doch Gott zieht ihn jetzt zur Rechenschaft, und während seine Freunde zechen, sinkt Jedermann in sich zusammen. Selbst der frivole Tanz der Buhlschaft, den Wussow zaghaft-keusch angeht, ruft seine Lebensgeister nur vorübergehend wach. Dann hört er wieder die Himmelsglocken läuten, und drohend tönt sein Name aus dem Jenseits.

Ilja Richter rappt den Mammon und Peter Sattmann tänzelt den Teufel, der sich Jedermanns Seele sicher glaubt. Doch der Glaube (Brigitte Grothum) hat Jedermann errettet, und in prächtiger Prozession durch den Mittelgang zieht der Büßer in den Himmel ein. Vorbei der Mummenschanz vor prunkvoller Kulisse. In nicht ganz zwei Stunden lässt Brigitte Grothum das allegorische Drama herunterspielen, zum effektvollen Einsatz Bach'scher Orgelwerke (Orgel: Wolfgang Wedel), von Geige (Johannes Müller) und Gesang (Maren Seyboldt). Die unverminderte Aktualität des 1911 in Berlin von Max Reinhardt uraufgeführten Stückes - das in seiner Versform gleichwohl sperrig ist - kommt dabei nicht recht zur Geltung. Wenn Jedermann sein Recht auf "Lustgärten, Fischteich, Jagdgeheg" verteidigt und der verarmte Nachbar für Solidarität und Umverteilung eintritt, könnte man einem gierigen Banker im Streit mit einem Sozialdemokraten lauschen. Doch ein an der Textoberfläche schrammendes Schauspiel verhindert aktuelle Assoziationen. So bleibt das Ereignis "Jedermann" ein gesellschaftliches. Und Jenny Elvers-Elbertzhagen überreicht Brigitte Grothum weiße Rosen.

Jedermann , Berliner Dom am Lustgarten, Mitte. Bis 30. Oktober, täglich 20 Uhr, Fr, Sa und So auch 15 Uhr.