Marketing

Für einen Coin gibt es ein Bier

So sehen die coolen Clubs in Miami und LA aus, in denen jeden Moment eine Schießerei losbricht und anschließend ein CSI genanntes Ermittlerteam Patronenhülsen aufsammelt.

Vor der Tür parkt das amerikanische Polizei-Auto, daneben eins vom Fire Department. Die Farben einer amerikanischen Modekette strahlen den Eingang an. Drinnen sind übermenschlich große Boxen-Türme aufgebaut. An der Wand hängen wappengleich die letzten, wahren Rock-Insignien: Ein Schlagzeug flankiert von zwei Bass-Gitarren.

Um kurz nach zwölf ist das Gretchen richtig voll. Auf der Bühne lümmeln sich zwei von den Beatsteaks. Totze und Teute, die nennen sich wirklich so, legen Eminem und die Backstreet Boys auf. Gäste, die bei gefühlten Tropen-Temperaturen Lederjacke und Baseball-Cap tragen, bouncen betont ironisch zur Boyband. Man weiß nicht so recht wohin. Erst mal zur Bar. Die Währung heute Abend heißt Coins. Für einen Coin gibt es ein Bier, für zwei einen Longdrink. Die schwarzen Plastikjetons sind ein bisschen zu groß für den Einkaufswagen im Supermarkt, auf beiden Seiten steht ein Markenname.

Mit einem hämmernden Schlagzeug-Intro beginnen of Montreal ihr Set. Wie bei den frühen Velvet Underground scheppert das gehörig. Für die Bekleidungskette sind sie erstaunlich züchtig angezogen. Der sonst so schöne Cross-Dress-Zirkus, die Federn, der Einritt auf dem weißen Pferd, wurden einer rustikalen New-York-Holzfäller-Ästhetik geopfert, die diesen Herbst wohl schwer angesagt sein wird. Es ist schade, wenn der Überbau einer Marketing-Kampagne die Musiker in Models verwandelt, die Songs zu Jingles werden lässt. Beim anschließenden Meeting vom Projekt-Manager und der Werbe-Abteilung heißt es dann: Das war ja richtig fetzig, ganz schön rockig. Der rechte Gitarrist hat eine Amerika-Flagge um den zierlich bleichen Oberkörper geschwungen. Zwei blutjunge Mädchen tanzen den doppelten Hüft-Boogie, reiben sich unbeholfen aneinander. Drum herum bildet sich eine Traube anfeuernder Burschen. Für den Abend heißt Ziggy Stardust Axl Rose, das Gretchen Coyote Ugly.

Mit reichlich Verspätung erscheint dann auch Uffie. Die 23-jährige ist das, was man positiv als frech bezeichnet. Mit Selbst-Ironie, Witz und einer Tanzbarkeit zwischen Rap und Elektro kann man sie gar nicht schlecht finden. Das tut hier auch niemand. Durch ihren Exfreund, den DJ Feadz, bekam sie einen Vertrag beim französischen Label Ed Banger Records. Ihre Stimme, stets mit dem Auto-Tune kindlich, maschinell und kühl gehalten, kannte bald jeder. Im engen Kleid, einer Netzstrumpfhose und Stiefeln hüpft und räkelt sie sich durch das Konzert. "Pop The Glock", der erste Hit, eine Aneinanderreihung von Rap-Slang-Witzen "Bad ass bitch/ I'm rated X", trifft den Nerv einer Generation, die alles abfeiert, ironisch versteht sich. Beim Refrain macht sie eine drollige Pistolen-Geste. Glock, das ist eine Handfeuerwaffe. Hülsen wurden nicht gefunden.