Premiere

Ein Regisseur, der große Bilder hören kann

Die Zeichen stehen auf Erfolg, irgendwie. Donald Runnicles, der Generalmusikdirektor selbst, dirigiert die morgige Premiere an der Deutschen Oper. Und Verdis "Don Carlo" wird inszeniert von Marco Arturo Marelli, einem Regisseur, dem am Hause schon zwei Produktionen geglückt sind.

"Ich bin geehrt", sagt der gebürtige Schweizer, ein Mann trockener Wahrheiten, "dass es trotz der Sparmaßnahmen viele Mitarbeiter am Haus gibt, die alles geben, um meiner Arbeit zum Erfolg zu verhelfen." Für den Erfolg steht wieder auch eine gute Solistenriege. Aber da liegt der Hase irgendwie im Pfeffer. Ziemlich kurzfristig musste er auf Starsopranistin Anja Harteros aus "familiären Gründen" verzichten. Und nicht nur das: "Es sind gleich zwei Sängerinnen abhanden gekommen. Und mit der dritten konnte ich nur ganz kurz probieren. So kurzfristige Wechsel sind nicht nur für mich, sondern auch für die Partner im Ensemble schwierig." Was er gedacht habe, als er von der Absage hörte? "Das möchte ich lieber nicht in der Zeitung lesen."

Zwischen zwei Proben sitzen wir im Restaurant der Oper. Marco Arturo Marelli ist höflich, wirkt äußerlich gelassen und innerlich abwesend. Sein Herz steckt tief in der Inszenierung, die so gut wie möglich über die Bühne gehen soll. Auf Fragen nach dem Sinn und Unsinn von Regietheater reagiert er nur kurz aufbrausend: "Ich kann diese Frage nicht mehr hören. Ich fühle mich dem Werk verpflichtet." Für ihn ist Regie wohl im Moment zuerst eine Frage der Praktikabilität. Und Krisenmanagement gehört zum Theater.

Marelli und sein Premieren-Dirigent kennen sich übrigens schon seit Jahrzehnten. In Mannheim hatte Donald Runnicles vor über dreißig Jahren seine erste Oper gemacht, eine "Verkaufte Braut". "Ich war damals Oberspielleiter und er Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung", erinnert sich Marelli lächelnd: "Danach sind wir uns immer wieder irgendwo auf der Welt begegnet und haben uns gefragt, wann wir dieses oder jenes Stück miteinander machen wollen. Ich habe ja viel in Wien inszeniert, aber da traf es uns beide leider nie mit einer gemeinsamen Aufgabe." Jetzt stehen ihnen alle Möglichkeiten offen: Runnicles ist Hausherr in Charlottenburg, und der Züricher Regisseur hat inzwischen seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt. Sein Atelier liegt am Südstern - denn Regisseur Marelli ist auch sein eigener Bühnenbildner.

"Mein Entwurf basiert auf dem Grundriss des Escorial, dem spanischen Königsschloss von Philipp II.", sagt Marelli: "Der ist aufgebaut auf dem Rost des heiligen Laurentius. Leiden, Leiden, Leiden. Auf dem Rost wurde der Heilige lebendig gebraten. Der Grundriss dieses Klosterschlosskomplexes ist ein Kreuz. Das hat mir die Idee für mein Bühnenbild gegeben." Verdi hatte während einer Spanienreise 1863 den Escorial besucht. Kurz darauf entschied er sich, das durch Schiller bekannt gewordene Sujet vom spanischen Infanten für die Pariser Oper zu vertonen. "Verdi zeigte sich damals sehr beeindruckt, als er in Madrid war und auch das Schloss besuchte. Und ich glaube, die Grundfarbe der Partitur ist tief davon geprägt", so der Regisseur: "Die späten Verdi-Opern haben alle eine ganz eigene Farbe. Und dieses Stück ist bleigrau."

Den "Don Carlo" hat Marelli bereits in Paris und Tokio inszeniert. "Das Stück hat mich schon ein Leben lang begleitet", sagt er, "und mit jeder Inszenierung verändert sich auch meine Perspektive auf die Hauptfiguren. Aber jede ist mir sehr lieb. Philipp, der König, liegt mir heute vom Alter her näher als Carlos, der Infant. Aber meine Lieblingsfigur ist der Marquis von Posa."

Mitleid habe er aber mit keiner der Figuren in dieser Operntragödie. "Nein, in dem Begriff steckt mir zuviel Leiden drin." Aber er habe jetzt, aus seiner eigenen Lebenserfahrung heraus, mehr Verständnis für die Figuren. "Ich habe auch schon die französische Originalfassung in fünf Akten inszeniert, mit all den Stücken, die schon vor der Uraufführung wieder rausgefallen sind. Wir führen hier die vieraktige Fassung auf. Eine, die Verdi selber quasi als letzte Fassung gesehen hat. Obwohl er später wieder erlaubt hat, den ersten Akt in verkürzter Form wieder dazuzunehmen." Das mag alles verwirren, aber diese Oper war auch ein Ringen Verdis, das sich über zwei Jahrzehnte hinzog und sieben Fassungen in zwei Sprachen hervorbrachte. "Ich mag das Stück lieber auf Französisch gesungen. Verdi hat nur ein einziges Duett auf Italienisch komponiert", positioniert sich Marelli.

Was den Regisseur an diesem Stück "über die Zerstörung der Liebe durch Ideologie" am meisten herausfordert? "Es ist die antiklerikalste Oper, geschrieben von einem tiefreligiösen Menschen. Dieser Widerspruch bewegt mich bis heute zutiefst." Im Stück geht es "um die katholische Kirche, aber genau genommen geht es um jede Ideologie, die etwas zerstören will", erklärt Marelli am Beispiel des Verbrennens von Menschen: "Das Autodafé ist einkomponiert. Es ist ein Brandplatz für Seelen. Das alles zeigt dieses Wahnsinnsstück." Und ist künstlerisches Futter für Marelli. Schließlich ist er ein Regisseur, der große Bilder hören und auf die Bühne bringen kann.