Admiralspalast

Engelshaar und Robbenbart

Der Admiralspalast stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, er steht unter Denkmalsschutz mit seinen würdevollen Rundungen am Rang und Troddeln an der Bühne. Graham Nash und David Crosby fühlen sich hier sofort wie zu Hause.

"So ein wundervoller Ort", schwärmt Graham Nash. "Amerika nutzt solche herrlichen Gebäude für McDonalds. Tut das nicht", rät David Crosby. Crosby ist schon 70, Nash wird es im kommenden Frühjahr. Sie singen im Admiralspalast als Zeugen einer Zeit, in der die bessere Welt erfunden wurde.

Es hat sich eingebürgert, Althippies und 68ern das Scheitern ihrer eigenen Utopien anzulasten. Aber das haben sie nicht verdient. Sie haben immer noch die schönsten Lieder und die besten Sänger. Es fängt an mit "Eight Miles High", einem naiven Drogensong, und hört drei Stunden später auf mit "Teach Your Children", der Ermunterung, den Kindern auch die Ideale zu vererben. Auf der Bühne liegt ein Teppich aus dem Morgenland. Dahinter spielt die vierköpfige Band mit einem Sohn von David Crosby an den Orgeln. Graham Nash tanzt barfuß durch die Lieder. Crosby hat die Warnung "Almost Cut My Hair" beherzigt, er trägt Engelshaar und Robbenbart so ungezähmt wie es die Tradition verlangt, nur mittlerweile ganz in Weiß. Sie scherzen unentwegt über ihr Alter, verspotten ihr Werk als Ausgrabungsstätte und fallen sich wie ein rüstiges Ehepaar ins Wort. Zwei weise Blumenkinder, deren Knabenstimmen sich im Paar- und Satzgesang verschränken. "Blackbird" von den Beatles singen sie auf diese Weise und vor allem eigene Klassiker wie "Guinnevere" und "Deja Vu". In "Woodenship" segeln sie wieder sanft gegen die Krieg. Zu "Long Time Gone" kehren im Kopf die Bilder aus dem Woodstock-Film zurück: Man sieht, wie Bauer Yasgur mit dem Traktor seine Weiden mäht, bevor die Träumer kommen.

Heute lagern wieder Hippies vor der Wall Street in New York, und selbstverständlich weisen Nash und Crosby emsig darauf hin. In ihrer Euphorie liegt auch ein Staunen darüber, dass in ihren Konzerten nicht nur Veteranen sitzen. Im Admiralspalast erklingt das Landlustlied "Our House", und der Kristallleuchter erstrahlt über den Köpfen wie die Sonne. Alle wiegen sich und singen: "Our very, very, very fine house." Inzwischen weiß man, was man an den alten Häusern hat.