Geschichte

Zarte, grausame Briefe

Zu einer Neubewertung des literarischen Werkes Ernst Jüngers trägt dieser Text zur Geiselfrage nichts bei. Er ist nicht Literatur, sondern eine historiografische Studie des Hauptmanns Ernst Jünger für den scheidenden Militärbefehlshaber in Frankreich, General Otto Stülpnagel.

Hintergrund von Jüngers Denkschrift ist die zunehmende Resistance-Tätigkeit in den Jahren 1941/42 und die deutsche Reaktion darauf. Während es Stülpnagel darauf ankam, das Land ruhig und die Geiselerschießungen in Maßen zu halten, drängten Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht auf Härte. Diesem Konflikt war Stülpnagel nicht gewachsen und legte sein Kommando nieder. Die Jüngersche Denkschrift sollte ihm Halt und Anhalt sein, innerer, wie auch vielleicht eines Tages äußerer, falls die Umstände dazu führen sollten, dass er für seine Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen würde. In der Tat hat Stülpnagel, der nach dem Krieg an Frankreich ausgeliefert wurde, noch vor Beginn seines Prozesses Selbstmord verübt. Die Denkschrift hat also ihren Zweck nicht erfüllt.

Was Jünger in ihr - Fall für Fall - aufgeschrieben hat, ist das Ringen um die Zahl der Geiseln, die für die Tötung deutscher Soldaten ihr Leben lassen mussten. Da ist nichts von ästhetisierender Burgunderseligkeit, aber auch nichts von jener scharfenpsychologischen Beobachtungsgabe, die Jüngers Beschreibung der Hinrichtung eines Fahnenflüchtigen am 29.5.1941 in Paris zu einem der großen Texte des Krieges in seinen "Strahlungen" gemacht hat. Denn hier geht es nicht um das Begleiten eines Verurteilten zum Sterben, sondern um das militärisch-diplomatische Ringen zwischen den verschiedenen deutschen Dienststellen und denen der Petain-Regierung. Dieses Ringen schildert Jünger in einem trockenen Kanzleistil. Eine gewisse Tiefe gewinnt die Abhandlung allein aus den letzten Briefen der Verurteilten an ihre Angehörigen, wobei der bewegendste jener Brief des 16-jährigen Guy Moquet ist, den Präsident Sarkozy jedes Jahr am 22. Oktober an allen französischen Schulen verlesen lässt, um der Resistance zu gedenken. Dass Jünger diese zugleich wunderbar zarten wie infolge des Schicksals der Schreiber grausamen Briefe der eigentlichen Denkschrift hinzugefügt hat, zeigt den deutschen Offizier als jene mitfühlende Seele, die sich der furvhtbaren Tragik des Geschehens in jedem Moment bewusst ist. Nicht der Jüngersche Text, die Briefe sind das Literarische an dieser Denkschrift und man muss Jünger dankbar sein, dass er sie bewahrt hat.

Welchen Maßstab legen wir an?

Doch selbst diese Briefe werden Jünger nicht vor neuen Missverständnissen bewahren. Da wir verlernt haben, Handlungen und Texte aus ihrer Zeit heraus zu verstehen, werden die Verächter Jüngers nur die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass er auch mit dieser Denkschrift ein kleines Rädchen im deutschen Vernichtungsapparat war, Empathie vermissen lässt und den Ton moralischer Anklage, den wir Nachachtundsechziger in einer solchen Denkschrift erwarten. Sie werden mit den heutigen Maßstäben eine Zeit messen, in der Jünger mit seinen "Marmorklippen" in die Nähe der Genickschüsse geriet, wie er es selbst so plastisch formuliert hat, und in der eine Denkschrift, wie wir sie erwarten, zum Tod des Schreibers wie des Auftraggebers geführt hätte. Ernst Jünger war nicht Teil des Widerstandes, obwohl er in Paris einigen Menschen das Leben gerettet hat. Seine Dokumentation einer militärischen Problematik, für die den Nachgeborenen Verständnis fehlt, ist keine verkappte Friedensschrift, sie fügt Jünger nichts hinzu, was wir nicht wüssten. Sie ist des Aufhebens wert, weil sie einen Offizier zeigt, der den Dichter nicht verleugnen kann und auch im Feind den Menschen erkennt. Bleibt zu hoffen, dass der von Jüngers Text inspirierte Film von Volker Schlöndorff "Das Meer am Morgen" über die deutsche Besatzungsherrschaft in Frankreich nicht hinter diese Einsicht zurückfällt.

Sven-Olaf Berggötz (Hg) Ernst Jünger - zur Geiselfrage. Klett-Cotta, Stuttgart. 160 S., 19,95 Euro