Konzert

Der Musiker, der am liebsten eine Hausfrau wäre

Wolfgang ist für Jay Brannan extra aus Bochum angereist. Der Mittdreißiger trägt ein schrill buntes Hemd, einen Bart, der seinen Mund umrahmt, und er sagt, dass der Ostbahnhof wie der Hauptbahnhof von Essen aussehe. "Wie zuhause", fühle er sich hier im Friedrichshain.

Wolfgang würde nach dem Konzert gern noch jemanden kennen lernen, reden, trinken, rauchen, ganz ohne abgespreizten Finger.

Diese zurückhaltende Melancholie, die mitschwingt, wenn man Wolfgangs Pläne für die Abendgestaltung hört, ist die gleiche wie in den Liedern von Jay Brannan. Der 29 Jahre alte Musiker hat mit seiner Gitarre und der sehr, sehr weichen Stimme einen kuscheligen Abend für Menschen wie Wolfgang gespielt. Jung, schwul und bärtig. Brannan singt davon, dass es in Großstädten keine wirkliche Liebe geben könne ("Can't have it all"), dass er einen Mann suche, für den er die Hausfrau spielen kann ("Housewife"), aber dass er dabei kein Glück habe und immer nur einen "Half-Boyfriend" finde. Hach, Jay.

Die Gäste an diesem Abend lieben den Sänger für diese Attitüde, für seine knackenden Fingerknöchel und für das schmerzverzerrte Gesicht, dass er bei hohen Tönen macht - selbst bei dem lustigen "Gummibärchenlied", der Titelsong einer Zeichentrickserie für Kinder.

Eine eher unironische Fröhlichkeit

Zwei Alben hat der New Yorker bisher herausgebracht, das zweite im Jahr 2009, das nur Coverversionen enthält. Kein Wunder, dass auf seinem Tour-T-Shirt der Satz steht: "Ich habe eine Quarter-Life-Krise". An diesem Abend spielt er zudem noch Adeles "Someone Like You" (1:0 für Adele) und rappt "Super Bass" von Nicki Menaj (1:1 durch Jay Brannan). Doch das Publikum will echte Kuschel-Melancholie. Zwischen den traurigen Lieder verbreitet er trotzdem eher unironische Fröhlichkeit und erzählt Geschichten, die zeigen, was er für eine kleine Königin er ist: Brannan hat drei Monate in Europa gelebt, hat Madrid, Rom, Prag und Krakau gesehen und sich so sehr eingelebt, dass er schon für einen Einheimischen gehalten wurde. Gestört habe ihn nur, dass seine Wohnung in Rom weder eine Heizung noch einen Internetzugang hatte. Dieses alte Europa. Da hätte man ihm die Bodenständigkeit und Ernsthaftigkeit gewünscht, die seiner Vorband, der Berliner Sängerin Josa Peit, aus jeder Pore drang.

Jay Brannan sagt noch, dass er im Dom war und gebetet habe, "für alle eure Seelen" und so verzeihen ihm auch alle, als er nach 80 Minuten ohne Zugabe aufhört. Dafür darf ihn jeder später anfassen und fotografieren. Wolfgang aus Bochum will das nicht. Er hatte von der Kneipe "Bierhimmel" gehört. Da will er noch hin.