Geitels Geschichten

Erst bejubelt, später belächelt

Es ist schon schwer, Liszt an seinem morgigen 200. Geburtstag zu feiern, so wie ihn die internationale Musikwelt zeitlebens gefeiert hat. Er war wahrscheinlich der bekannteste und meist geliebte Künstler seiner Zeit: ein Ausstellungsstück auf zwei Beinen und mit zwei unermüdlich klavierspielenden Händen.

Er selbst hat von seinem Leben als einem immerwährenden Reisezirkus geschrieben.

Zwei riesige Tourneen hat er allein durch England unternommen. Er ist in Bath aufgetreten, wo Haydn bei Rauzzini zu Gast gewesen war, dem Tenor, für den Mozart 1773 sein unsterbliches "Exsultate, jubilate" geschrieben hat. Rauzzini liegt in der Abbey von Bath begraben. Lord Menuhin (und ich) haben in der grünen Parkanlage am Avon gemeinsam Mozart ein kleines Denkmal enthüllt. Eins für Liszt steht noch aus.

Es ist jetzt an ganz anderer Stelle errichtet worden: im Schott-Verlag. Mainz. Dort hat der unermüdliche Liszt-Fan Ernst Burger einen Prachtband zusammengesucht und herausgegeben, der sich mit Liszts "Jahren in Rom und Tivioli" beschäftigt - und das waren nicht wenige. Liszt war ein gesamteuropäischer Star: bekannt wie ein bunter Hund, den man pausenlos auf dem Klavier bellen zu hören wünschte. Im Grunde schlief wohl nur ein einziger Zuhörer dabei jemals ein: ausgerechnet der junge Johannes Brahms, der Liszt in Weimar besucht hatte.

In Berlin erspielte sich Liszt eine derartige Popularität, dass Glassbrenner, der Loriot von einst, ihm (unter dem Pseudonym Ad. Brennglas) 1847 eine dreiaktige Komödie mit dem lapidaren Titel " Franz Liszt in Berlin" auf den Leib schrieb. "Da is er, da is er! Franz Liszt, vivat hoch!", schreit das Volk bei seiner Abreise. "Er muss mir ansehen, wenn er insteigt: eenen Blick, un ich bin uf Zeitlebens zufrieden", nörgelt Madame Steifling herum. Banquier Frischer raisonniert: "Ist es nicht schön, dass das Talent die Kraft hat, die Politik, die wichtigsten Sorgen des Landes, seine unruhige Gegenwart und seine dunkle Zukunft vergessen zu machen!"

Nach Italien hatte es Liszt an die Hand von Marie d'Agoult gezogen, die ihm die Kinder Blandine, Cosima (die spätere Frau Richard Wagners) gebar, außerdem den jung verstorbenen Sohn Daniel. Fünf Jahre nur blieben Marie und Franz zusammen. Dann ging jeder wieder seine eigenen Wege.

Die von Liszt führten zu Carolyne von Sayn-Wittgenstein. Sie versuchten zu heiraten, wurden aber am Tag vor der in Rom bereits angesetzten Hochzeit von der katholischen Kirche abgeschmettert. Sie waren davon derart schockiert, dass sie kein zweites Mal gemeinsam vor den Traualtar zu treten versuchten.

Liszts Musik geriet schließlich zunehmend in Misskredit. Und Walter Bache, Liszts englischer Schüler, zur Beerdigung des Meisters im Juli 1886 aus London flugs nach Bayreuth hinübergereist, war geradezu entsetzt über das respektlos schlechte Benehmen der Musiker nach der Trauerzeremonie.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern