Interview: Chris Martin

"Natürlich sind wir verklemmte Typen"

Coldplay ist die kommerziell erfolgreichste Rockband der Welt. Sie hat von den bisherigen vier Alben über 50 Millionen Kopien verkauft, "Viva la Vida" war der weltweit meistverkaufte Tonträger 2008, eine Nummer Eins in 36 Ländern.

Am Freitag nun ist ihr fünftes Album mit dem Fantasietitel "Mylo Xyloto" erschienen mit der recht fröhlichen Single "Every Teardrop Is like a Waterfall", Rihanna ist in "Princess Of China" zu hören, Brian Eno hat das Album mitkomponiert. Ohnehin sind die Songs sind nicht mehr so introvertiert und still wie am Anfang der Karriere 1996. Michael Loesl traf Frontmann Chris Martin im Studio von Coldplay, der "Backery", im Nordwesten Londons.

Berliner Morgenpost: Mr. Martin, ärgert Sie, wie Coldplay wahrgenommen wird?

Chris Martin: Wir mussten uns in den letzten Jahren viel Häme gefallen lassen. Uns wird oft unterstellt, wir seien vier verklemmte, englische Typen.

Berliner Morgenpost: Sind Sie's nicht?

Chris Martin: Doch, klar, aber es reicht, wenn wir uns selbst so sehen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie und Ihre Bandkollegen während der Produktion am neuen Album in geheimen Fantasiewörtern wie "Mylo Xyloto" miteinander kommuniziert?

Chris Martin: Haha, das hätte garantiert zu interessanten Gesprächen geführt. Wir haben viel ausprobiert, viel verworfen, vieles neu angefangen. Es ist schwer, sich selbst mit interessanten Ideen zu überraschen.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie diesmal getan, um interessante Ideen zu finden?

Chris Martin: Was man halt so macht. Man legt sich beispielsweise eine neue Frisur zu in der Hoffnung, dass die Ideen nach dem Stutzen sprießen. Nein, im Ernst: Wir haben viel herumgesponnen, viel zusammen gesungen, manchmal tagelang als A-cappella-Formation. Und wir haben einen coolen Album-Titel gefunden.

Berliner Morgenpost: Wollten Sie mit dem letzten Album "Viva La Vida" nicht der Coolness trotzen?

Chris Martin: Das haben wir ja auch getan. Das letzte Album holte uns aus der Coolness-Lethargie raus. Und prompt fanden ein paar Leute die Platte richtig cool.

Berliner Morgenpost: Wofür steht "Mylo Xyloto"?

Chris Martin: Am Namen Coldplay kleben so viele Klischees, dass wir einen Albumtitel suchten, der erst mal nichts bedeutet. Abgesehen davon, dass er unserer Meinung nach interessant klingt, gab er uns eine freie Fläche, die wir mit Ideen füllen konnten.

Berliner Morgenpost: Mögen Sie es eigentlich Texte zu schreiben?

Chris Martin: Früher fand ich Schreiben schwierig, weil es in den Texten nur um meine Perspektive ging. Seitdem ich mich in andere Köpfe einniste, schreibe ich befreiter. Das hilft beim Überwinden der Gedanken daran, wie meine Texte missverstanden werden können. Es gibt Leute, die mich als Sänger betrachten, der mit einem Filmstar verheiratet ist. Punkt. "Wie kann so ein Typ sich anmaßen über Dinge zu singen, von denen er vermutlich keine Ahnung hat?"

Berliner Morgenpost: Ihre neue Platte beginnt mit dem Refrain "Du setzt dein Herz als Waffe ein und es schmerzt wie der Himmel". Ist das Verbreiten von Zweckoptimismus ein selbstgesteckter Lehrauftrag?

Chris Martin: Das Bewahren meines Vertrauens an konstruktive, kollektive Kräfte fällt mir von Jahr zu Jahr schwerer. Aber darin spiegelt sich nur ein Prozentsatz meiner Weltsicht. Der andere erlaubt die Sichtbarkeit des Konstruktiven. Es gibt den Massenmörder von Norwegen, aber es gibt auch denjenigen, der zum Wiederaufbau eines Krankenhauses nach Haiti geht. Trotzdem muss ich mich manchmal zur Sichtweise zwingen, dass es eine Ausgewogenheit zwischen Dunkelheit und Licht gibt. Der Verlust des Vertrauens in die Welt führt geradewegs in die Depression und die ist selten konstruktiv.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie an die Macht des Geldes?

Chris Martin: Ich glaube an emotionale Offenheit. Wenn ich davon singe, dass jemand sein Herz als Waffe einsetzt, meine ich damit das leidenschaftliche Betrachten dessen, was einem heilig ist. Dafür mussten wir als Band reichlich Scheiße einstecken.

Berliner Morgenpost: Ausverkaufte Stadien, das bestverkaufte Album 2008.

Chris Martin: Ich gebe ja zu, dass das alles nicht so wichtig ist wie die Zahnmedizin.

Berliner Morgenpost: Die Zahnmedizin?

Chris Martin: Ich bin davon überzeugt, dass wir gerade die beste Zeit für Zahnmedizin in der Menschheitsgeschichte erleben. Ist es nicht großartig, dass schnelle Abhilfe geleistet werden kann, wenn man Zahnschmerzen hat? All die Leute, die behaupten, gerne im Mittelalter oder in der griechischen Antike leben zu wollen, kann man ganz schnell wieder ins Jetzt zurückholen, wenn man sie nach den Befindlichkeiten ihrer Zähne fragt. Die menschliche Existenz wird sukzessive komfortabler.

Berliner Morgenpost: Warum sitzen Sie mir jetzt in Klamotten mit Pünktchen-Besprühung gegenüber?

Chris Martin: Die ehrliche Antwort ist: Zuinnerst wünschte ich, es ginge nur um Musik. Ich wünschte, unsere Musik nicht erklären zu müssen und nicht sichtbar sein zu müssen. Aber so funktioniert die Branche nicht. Vor allem an etablierte Bands heftet jeder ein Post-it mit einer Meinung, die nichts mit der Musik zu tun hat. Die jeweilige Meinung beeinflusst aber die Wahrnehmung der Musik.

Berliner Morgenpost: Ist der Markenname Coldplay ein Fluch?

Chris Martin: Er ist zugleich Last und Glücksfall. Auf der einen Seite vermasselt er die Reinheit der Auffassung unserer Musik. Auf der anderen Seite schafft er Legitimation zum Besprühen von Arbeitskleidung. Das ist die Popstar-Seite unserer Bandexistenz.

Berliner Morgenpost: Sie fühlen sich endlich wie ein richtiger Popstar?

Chris Martin: Ich fühle mich immer noch nicht wie einer, aber unsere Uniformen helfen dabei, das Popstar-Empfinden zu steigern. Es fühlt sich gut an mit dem Klamotten zu demonstrieren, dass wir eine Band sind.