Historisches

Thorsten Becker erzählt die Geschichte der schönen Agrippina

Da wartet einer auf den Tod. Er ist ihm sicher, unsicher nur die Stunde. Es kann sich nur noch um Minuten handeln. Doch was ein geistig produktiver Mensch ist, der bleibt auch im Angesicht des eigenen Ablebens sinnvoll beschäftigt bis zu Schluss.

Zumindest wenn dieser Mensch Seneca heißt und sich von seinem einstigen Schüler Nero zum Tod verurteilt weiß. Als begnadete Hofschranze, die er sein Leben lang war, nutzt er nun seine letzten Momente und schreibt dem berüchtigten Spross aus der claudinisch-julischen Kaiserfamilie eine Art "Trostschrift", mittels derer Nero den Mord an seiner Mutter Agrippina vor sich selber rechtfertigen kann. In Treue fest zu seinem Herrscher stehend, rekapituliert der alte Philosoph auf diese Weise ein halbes Jahrhundert römischer Geschichte, zum Bersten angefüllt mit Verbrechen, Perversionen, Ausschweifungen. Schreibt's buchstäblich, bis der Centurio kommt - und der Stoiker sich im Badezuber die Venen öffnet, um heiteren Sinnes ebendort zu verbluten. Soweit die Geschichte, die uns Thorsten Becker hier erzählt.

Thorsten Becker? Ja, derselbe ist's, dessen Ost-West-Geschichte "Die Bürgschaft" einst zu den bestgehypten Büchern der späten Achtzigerjahre zählte. Seitdem läuft Becker halt so mit, wenn von deutscher Gegenwartsliteratur die Rede ist. Der Agrippina-Stoff, so wie der Autor ihn hier ausbreitet, kommt auf brave Weise konventionell daher. Und vom Verfall des römischen Reiches erzählen auch die filmischen Historienschinken, die jede zweite Woche auf irgendeinem Fernsehkanal zu sehen sind. Und Mentalitäten wie Affekte jener Zeit kann man auch in den Barockopern studieren, die landauf, landab von allen großen Häusern aufgeführt werden.

Thorsten Becker: Agrippina. Arche, Hamburg. 224 S., 18 Euro