Literatur

Die Psyche der Cops

Der bekannte Kriminalschriftsteller Friedrich Schiller ("Der Verbrecher aus verlorener Ehre", "Die Kraniche des Ibykus") vertrat die Ansicht, dass wir uns deshalb so gern Geschichten über grausige Mordtaten erzählen lassen, weil unser ästhetischer Sinn befriedigt wird, wenn den Schuldigen am Schluss seine Strafe ereilt.

Über dem blutigen Geschehen erhebt sich triumphierend eine metaphysische Idee der Gerechtigkeit - und wir sind bis tief ins Innerste befriedigt. Von der Richtigkeit dieser Schillerschen Theorie kann sich jeder Zuschauer eines x-beliebigen Fernsehkrimis überzeugen.

Allerdings ahnten wir schon immer dunkel, dass es in der Wirklichkeit nicht ganz so glatt und ästhetisch befriedigend zugeht. Wer es genau wissen möchte, der greife zu David Simons großartigem Buch "Homicide" (Kunstmann), das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. David Simon ist ein Reporter, der ein Jahr lang - vom 1. Januar 1988 bis zum 1. Januar 1989 - mit dem Morddezernat von Baltimore verbracht hat. Simon hat mit seinem Notizblock alle Gespräche der Polizisten belauscht, er ist mit ihnen zu jedem Tatort gefahren und hat nach Dienstschluss mit ihnen Bier getrunken.

Das Rückgrat von Simons telefonbuchdickem Bericht ist der Mord an Latonya Wallace. Am Schluss gibt es zwar einen dringend der Tat Verdächtigen, aber keine eindeutige Auflösung und kein Geständnis. Wir stehen also mit einem unordentlichen Handlungsfaden da, der mit nichts verknotet wird. Fühlen wir uns deswegen um das Schillersche "Vergnügen beim Betrachten tragischer Gegenstände" betrogen? Nein. Zum einen deshalb, weil andere Fälle im Lauf jenes Jahres sehr wohl aufgeklärt werden; zum anderen, weil es in der Hauptsache ja gar nicht um jene Morde geht. Es geht vielmehr um die Polizisten selbst: um Detective Harry Edgerton, einen Schöngeist und Sonderling, der sich außerdienstlich für Jazz interessiert; um Detective Tom Pellegrini, der sich zäh in seine Fälle verbeißt; um Detective Donald Worden, der dermaßen gütig dreinzublicken versteht, dass auch hartgesottene Schurken weiche Knie bekommen. Lauter Leute, die derbe (manchmal üble) Witze reißen und gegen absurde Überstundenregelungen kämpfen, wenn sie nicht gerade Tatorte nach Spuren absuchen.

Dies könnte nun zu dem Trugschluss verführen, bei "Homicide" handle es sich um eine deprimierende Lektüre, weil die Geschichte nirgendwo hinführt. Das Gegenteil ist der Fall: Zu groß ist die Bewunderung für die journalistische Leistung, die Simon da hingelegt hat.

David Simon : Homicide. Ein Jahr auf mörderischen Straßen. Kunstmann, München. 829 S., 24,90 Euro.