Theater

Einschlafen ist nicht: "Der Sandmann" an der Parkaue

Das Sandmännchen kennen wir als nettes Zwerglein im TV-Nachtgruß für Kinder. In E.T.A. Hoffmanns Schauermärchen "Der Sandmann" von 1817 ist der Schlafkörnchenstreuer ein Bösewicht.

Ein mächtiges, grauenvoll brutales Gespenst, das bei dem Knaben Nathanael entsetzlichste Albträume auslöst und dessen Seele lebenslang beherrscht, verwirrt, verängstigt. Ein Kinderschreck mit unheilbaren Langzeitfolgen fürs Unterbewusste. Später wird selbst die große, herzerfrischend zupackende Liebe von Clara nicht ankommen gegen den finsteren Wahn, der Nathanael quält und ihn in die Glieder der sagenhafte Menschenpuppe Olimpia treibt. Clara, die Verkörperung der "wahren wirklichen Außenwelt", verliert das Ringen mit den Fantastereien eines schwer Traumatisierten, der ein Normalo-Glück nicht finden kann.

Hoffmanns anspielungsreiche Fantasy-Erzählung der so genannten Schwarzen Romantik fügte jetzt Carlos Manuel für die große Bühne des Theaters in der Parkaue. In erstaunlicher Klarheit, ohne das wundersam Befremdliche und Geheimnisvolle auszulassen. Auch urinszenierte er den vertrackten Mix aus Realem und Transzendentem, aus drastisch groteskem Horror und fein lächelnder Lieblichkeit: mit überraschend komödiantischer Leichtigkeit. Ein kleines Meisterstück, das dem Etikett "P16" gerecht wird. Und dabei tiefenpsychologisch-philosophische Kennerschaft nicht nervend unterfordert.

Dass die schmerzlichst zerrissene, fatal schwärmerische Hauptfigur Nathanael von Niels Heuser im langweiligen Strickpullover so gar nichts Neurotisches an sich hat, irritiert. Dafür begeistert die rasend liebende Clara der Danielle Schneider. Köstlich! Die sieben anderen Spieler wirbeln in ihren vielfach wechselnden Auftritten könnerisch durchs abstrakte Bühnenbild von Fred Pommerehn. Das fasziniert durch frappierende Verwandlungen und effektvolle Lichtstimmungen.

Bei all seinen bösen Abgründen ein lustiges, überwiegend ironisches Traumspiel über bis ins Wahnsinnige entgrenzte menschliche Einbildungskraft. Musikalisch zart, gelegentlich poppig grundiert. Ein Hit.

Theater an der Parkaue , Parkaue 29, Lichtenberg, Tel. 55 77 52 51. Termine: 26. und 27. Oktober