Film: "Der große Crash"

Da liegt der Hund begraben

Es ist das Requisit der Stunde. Ein schlichtes, aber vielsagendes Sinnbild: der Pappkarton. Jener, den amerikanische Angestellte mit der Kündigung überreicht bekommen, um die wenigen persönlichen Habseligkeiten vom Schreibtisch zu räumen. Dieser Pappkarton war der Inbegriff von hire und fire, jetzt ist er zum Symbol der Finanzkrise geworden.

Und weil die Krise nun auch, mit einiger Verzögerung, das Kino erreicht hat, haben wir in letzter Zeit schon so manchen Star diesen Karton füllen und mit hängenden Schultern die Arbeitsstelle verlassen sehen: Tom Hanks in "Larry Crowne", Ben Stiller in "Company Men". George Clooney machte in "Up in the Air" nichts anderes, als Kündigungen auszusprechen. Und nun erwischt es auch Stanley Tucci in "Der große Crash", der am Donnerstag in unsere Kinos kommt.

Intimer Blick in das Bankerwesen

Als der Film im Februar auf der Berlinale lief, hieß er noch "Margin Call". Das war ein Titel, den man nur schwer übersetzen kann. Er bezeichnet - im Fachchinesisch der Broker - den Weckruf nach mehr Geld, wenn eine Aktie nicht mehr gedeckt wird. Das klingt unheimlich kompliziert, als würde man den Film nur dann verstehen, wenn man in Wirtschaftsdingen vertraut ist. Ist aber nicht so: Der oberste aller Bosse jener einen Bank, in der dieser Film spielt, bittet einen seiner Spezialisten, er solle ihm das, was da gerade passiere, so erklären wie einem Kind. Noch besser: wie einem Golden Retriever. Und genau so erzählt uns J. C. Chandor in seinem sensationellen Regiedebüt den Vorabend der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008. Als packendes Shakespeare-Drama, ach was: als antikes Trauerspiel über die Abgründe der Gier.

Wir befinden uns hier 24 Stunden lang fast ausschließlich an einem Ort, einer großen Investmentbank in New York, hinter der man gern Goldman Sachs sehen darf, aber nicht muss. Man sitzt hier zwischen aalglatten Erfolgstypen, die mit ihren Boni und Statussymbolen prahlen. Die jubeln noch, weil sie eine Kündigungswelle überlebt haben. Aber einer, der den Karton hat nehmen müssen, ein Risiko-Analyst (Stanley Tucci), steckt noch einen Speicher-Stick mit seiner jüngsten Analyse einem jungen Neueinsteiger (Zachary Quinto) zu. Der wertet sie aus und findet Haarsträubendes heraus: Das Haus steht vor dem Ruin, weil die Geschäfte längst nicht mehr gedeckt sind.

Eine Notkonferenz wird eingeschaltet, und noch eine und noch eine. Die Kunde dringt vom einfachen Broker über den mittleren Boss (Kevin Spacey) bis zum obersten. Der wird nächstens eigens mit Hubschrauber eingeflogen, ein geradezu göttlicher Auftritt, und Jeremy Irons gibt ihn so verschlagen als zynisch-bissigen Hund, dass Michael "Wall Street" Douglas als Personifizierung des Neoliberalismus seine Hosenträger einpacken kann. Es ist eben jener Irons, der das Ganze auf Golden-Retriever-Niveau senkt und mit tierischen Instinkten reagiert: Alle faulen Papiere verkaufen. An Kunden, die der Bank vertrauen. Im sicheren Wissen, dass das einen Domino-Effekt, einen Kollaps der Weltwirtschaft auslösen wird. Aber wenn wir's nicht tun, so die maliziöse Begründung, dann tut es ein anderer.

Es ist ein antikes Trauerspiel, nur ist es nicht das Fatum, sind es nicht die Götter, die die Figuren fremdbestimmen, sondern die Regularien der Finanzmärkte. Faszinierend führt uns Chandor - dessen Vater selbst ein Broker war - ein in die verborgenen Welten der Banker, die uns immer fremd waren. Eine große Theaterkulisse wird uns da hingestellt: eine Hochhauszelle voller Metall und Glas, kühl und steril. Eine Männergesellschaft, in der die großen Entscheidungen gern mal auf dem Männerklo getroffen werden. Und die einzige weibliche Angestellte (Demi Moore) männlicher als alle Männer daherkommt und doch am Ende das Bauernopfer wird.

Die Krise als großes Theater

Die Außenwelt, sie spielt hier fast gar keine Rolle. Familie, Freunde, es gibt sie nicht oder sie sind nicht wichtig. Es geht nur darum, seinen Arbeitsplatz zu retten. Also den eigenen Arsch. Nur ganz am Ende, da gibt es doch eine menschliche Geste. Kevin Spacey weint. Aber nicht um all die Menschen, die er in den Abgrund zieht, sondern um seinen Labrador, der in dieser schicksalhaften Nacht an Leberkrebs verendet. Eine zynische, aber tief wahrhaftige Pointe. Er vergräbt den Kadaver persönlich im Garten. Und der Film bietet damit noch eine zweite große Hunde-Metapher. Er zeigt uns buchstäblich, wo der Hund begraben liegt.

Bislang durften wir uns noch trösten. Dass der Kapitalismus, dass das System schuld war an der Krise. So einfach können wir es uns nach "Der große Crash" nicht mehr machen. Wir sehen: Es sind Individuen, Menschen, manche gar nicht unsympathisch, die sicheren Wissens die Katastrophe heraufbeschwört haben. Oliver Stone wollte uns in "Wall Street 2" die ganzen Mechanismen der Finanzmärkte vorführen - und hat sich darin verheddert. J.C. Chandor hat all das in eine fast archaische Mär komprimiert, in der die Zeit verdichtet und der Raum begrenzt bleibt. Die Krise als großes Theater. Eine Ballade der galoppierenden Verantwortungslosigkeit. "Der große Crash" ist der beste, der stärkste Film, der bislang über die Finanzkrise gedreht worden ist.