Primaballerina

"Ich will die Seele des Publikums heilen"

Der Staatspräsident hat ihr gratuliert, das Kulturministerium sie öffentlich präsentiert. In Mexiko war ihre Berliner Beförderung zur Primaballerina eine große Nachricht. "Ich bin die erste Mexikanerin, die es in einer der großen Ballettkompagnien der Welt so weit gebracht hat", erklärt Elisa Carrillo Cabrera voller Stolz: "In Mexiko mit seinen Drogen- und Bandenproblemen freuen sich die Leute über jede gute Nachricht."

Sie ist mit Komplimenten und Glückwünschen überschüttet worden. "Für mich hat sich ein Traum erfüllt", sagt der frisch gekürte Tanzstar. Die Berliner Kulturpolitiker haben sich dagegen bislang mit Gratulationen zurückgehalten. Die Stadt ist verwöhnt mit Spitzentänzern, und es wird auch immer schwieriger, den Mythos der romantisch-launischen Tanzdiva, um die sich alle reißen und die sich alles erlauben kann, zu pflegen. Traditionell ist die Primaballerina die erste (ital. prima) Solistin, die führende Tänzerin (ballerina) einer Aufführung oder einer Kompagnie. Heutzutage geht alles viel pragmatischer, arbeitsteiliger zu, laut Vertrag ist Elisa Carrillo Cabrera Erste Solotänzerin des Staatsballetts Berlin. Bei der heutigen Gala zur Eröffnung der Saison in der Deutschen Oper gibt sie ihren Einstand in der neuen Funktion - und tanzt ein Pas de deux mit ihrem Chef Vladimir Malakhov. Die Mexikanerin ist eine rundum schöne und stolze Frau. "Eine Frau mit 30 weiß, was sie will", sagt sie irgendwann im Gespräch. Und verschenkt ein Lächeln, nach dem sich viele Männer verzehren würden.

Vladimir Malakhovs Pragmatismus

Als Erste Solotänzerin teilt sich Elisa Carrillo Cabrera von nun ab die großen Partien offiziell mit sechs anderen, voran der Russin Polina Semionova. Befördert wurde auch die Russin Elena Pris. Gerade auf diese drei jungen Solistinnen werden sich demnächst alle Augen richten. Ballettchef Malakhov hat sich mit einer kleinen Schar hervorragender Tänzerinnen umgeben. Das ist wohl sein Pragmatismus. Man teilt sich in die künstlerischen Aufgaben und Erfolge hinein, womit auch dem Größenwahn vorgebeugt ist. Es hat auch moderne soziale Aspekte: Zwei der Ersten Solistinnen haben kleine Kinder und können getrost zwischendurch mal pausieren, was früher zum Ende der Karriere hätte führen können, zwei andere bereiten sich allmählich auf den Abschied vor. Darüber hinaus ist es so für die Spitzenballerinen einfacher, in der Welt zu gastieren.

Ein künstlerischer Grund verbirgt sich in der Vielfalt der Rollen zwischen Klassischem und Modernem, die das Staatsballett im eigenen Repertoire vorhält, und in die jeder Solist seinen Charakter einbringen soll. Insofern sieht Elisa Carrillo Cabrera auch kein Konkurrenzdenken untereinander. "Jede hat ihre Stärken, die eine springt besser, die andere kann besser spielen, die dritte sich besser drehen, die vierte verfügt über eine bessere Körpersprache." Und sie selbst? Eine schwere Frage. "Ich versuche immer mit dem Herzen zu tanzen", sagt sie und fügt nach kurzem Nachdenken hinzu: "Ich fühle mich manchmal wie ein Arzt, der die Seele des Publikums heilen möchte". Sie weiß, dass das Ballett eine Fantasiewelt ist.

Elisa Carrillo Cabrera ist Tochter einer Ärztin und eines Ingenieurs. Ihre Ballettausbildung erhielt sie in Mexiko, bevor sie ein Stipendium für die National English Ballet School in London erhielt. 1999 begann sie beim Stuttgarter Ballett. Kürzlich hat sie ein Foto aus dieser Zeit wiedergefunden. Es zeigt sie, eine Tanzanfängerin, mit dem gefeierten Tanzstar Malakhov. Sie kann sich noch genau daran erinnern, wie sie nach einer Vorstellung auf ihn zugegangen war und ihn fragte, ob er sich nicht einmal mit ihr fotografieren lassen würde. Ein Schnappschuss. Sie muss lächeln. Heute Abend tanzt sie erstmals mit Malakhov ein Pas de deux. Etwas Modernes, wie Elisa Carrillo Cabreras sagt - sie spricht von der großen Ehre, mit Malakhov tanzen zu können. "Er hat eine besondere Aura." Das kurze Stück "Araz Duett" hat ihnen Zeynep Tanbay nach Musik von Philip Glass auf den Leib geschneidert.

Malakhov war es, der sie 2007 nach Berlin geholt hat. Zuvor hat sie sich von der Pike auf hochgetanzt: Elevin, Corps de Ballett, Demi-Solotänzerin, Solotänzerin. Beim Staatsballett Berlin begann sie als Demi-Solotänzerin, vor zwei Jahren wurde sie Solotänzerin, jetzt die Krönung. Ihr Mann sei sehr stolz auf sie, sagt sie: "Es gibt keine Eifersucht.". Auch ihr Ehemann Mikhail Kaniskin ist Erster Solotänzer im Staatsballett. Aber die Herren haben es in einer Kompagnie, die von einem Malakhov geführt wird, deutlich schwerer, öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen.

Gutes Beispiel für junge Tänzer

Zuletzt wollen doch alle wieder eine Primaballerina, die nicht nur schön ist und virtuos tanzen kann, sondern auch charismatisch bis eigensinnig daher kommt. Die Erste Solotänzerin ist keine einfache Position, glaubt Elisa Carrillo Cabrera. "Jetzt bin ich meine eigene Konkurrenz", sagt sie mit einem entwaffnenden Lächeln, denn von nun ab müsse sie immer das Beste geben. Schließlich wolle sie ein gutes Beispiel für jüngere Tänzer sein. Die kleineren Partien muss sie jetzt abgeben, an die Nachreifenden. Als Erste Solistin tanzt sie nur noch große Partien: Allein im Oktober ist sie in Berlin als Esmeralda, als böse Hexe des Westens in "OZ - The wonderful Wizard" und als Tänzerin in "Caravaggio" zu erleben. Über ihre künftigen Hauptrollen kann sie im Moment nicht viel sagen, sie ist noch zu frisch im Amt. Heute beginnt ihre erste Saison als Primaballerina.