Literaturmuseum

Lippenbekenntnis oder wahrer Schwur?

"Du willst immer wissen, Milena, ob ich Dich lieb habe", schreibt Franz Kafka im Juli 1920, "aber das ist doch eine schwere Frage, die kann man nicht im Brief beantworten. Wenn wir einmal nächstens einander sehen werden, werde ich es Dir gewiß sagen (wenn mir nicht die Stimme versagt)."

Wer bei der Liebe die klare Ansage vermeidet, kann statt dessen viele Worte machen und selbst, wenn er es endlich ausspricht, immer noch um den heißen Brei herumreden: "Und ich liebe Dich also, Du Begriffsstützige, so wie das Meer einen winzigen Kieselstein auf seinem Grunde lieb hat, genau so überschwemmt Dich mein Liebhaben."

Das "Ich liebe Dich" ist die abgegriffenste Formel sowohl der Literatur als auch des Lebens. Da kann man verstehen, dass ein mit absolutem Gehör ausgestatteter Sprachkünstler wie Kafka sie nicht wie Kleingeld in der Tasche trägt. Doch ganz auf sie verzichten kann selbst er nicht, und so ergibt sich ein Eiertanz, der selbst wieder Literatur wird.

Roland Barthes hat in seinen "Fragmenten einer Sprache der Liebe" dargelegt, dass das "Ich liebe Dich" ebenso unersetzlich wie redundant ist, drei unzertrennliche Worte, für die das normale linguistische Prinzip "Subjekt - Prädikat - Objekt" nicht gilt. Weil Liebender und Geliebter eben immer schon verschmolzen sind: "Lieben existiert", so Barthes, "nicht im Infinitiv."

Das Lorbeerhauptquartier der deutschen Geistesgeschichte, das Marbacher Literaturarchiv, geht nun in einer Ausstellung der Spur jenes Satzes nach und hat dafür die Bestände durchkämmt. Leitfaden der Schau ist also nicht die Liebe (das wäre wirklich maßlos), sondern ihre Schriftform, die "verbotenen drei Worte" (Ulla Hahn). Dem Gegenstand angemessen schweben die Exponate, meist Manuskripte oder Briefe, auf Augenhöhe am seidenen Faden zwischen Fußboden und Decke. Geschützt liegt das Papier hinter pinkfarbenem Glas, Liebende lesen halt alles mit rosaroter Brille. Die Ordnung ist chronologisch, man beginnt mit Goethes "Werther" und "Erlkönig": "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, / und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt."

Kein Archiv der Welt kann die Frage beantworten, wie wahr die Gefühle wirklich sind. Gottfried Benn schrieb am 18. Dezember 1954 an seine Frau Ilse Kaul: "...ich liebe nur Dich. Mir würde das Herz brechen, wenn Du mich nicht mehr liebtest. Ich bin nur Deiner. Kuss! G." Am selben Abend feierte er mit der jungen Ulrike Ziebarth, einer seiner beiden aktuellen Geliebten.

Literaturmuseum Marbach. Bis 29. Januar 2012. Als Begleitheft erschien das Marbacher Magazin 136 (18 Euro)