R.E.M.-Auflösung

Ausgezwinkert

Man kann sich die Situation so vorstellen: drei Geschäftsmänner Anfang 50 treffen sich zum definitiven Meeting. Gerade haben sie ihr neues Projekt vollendet. Sie stellen die Frage nach der Zukunft. Und entscheiden sich dafür, ihre Firma zu liquidieren. Die Geschäftsmänner: Sänger Michael Stipe, Gitarrist Peter Buck, Bassist Mike Mills. Das Unternehmen: R.E.M.

In Berlin haben sie im Spätsommer vergangenen Jahres ihr 15. Album "Collapse Into Now" aufgenommen. Nun, nach 31 Jahren im Business, wieder auf eine kräftezehrende Welttournee gehen, wie es das Regelwerk des Rockgeschäfts gebietet? Jetzt hat das Trio die Notbremse gezogen und gab auf seiner Website die Auflösung von R.E.M. bekannt.

In einer "an unsere Fans und Freunde" gerichteten Erklärung heißt es: "Wir gehen fort mit einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit, von Endgültigkeit und mit Erstaunen über all das, was wir erreicht haben. An jeden, der jemals von unserer Musik berührt wurde, unser tiefster Dank fürs Zuhören." Eine spontan eingerichtete Website namens thankyourem.com bietet Fans aus aller Welt die Möglichkeit, ihrer Bestürzung über das Ende der Band Ausdruck zu verleihen. Andere nutzen die digitale Kondolenzliste dazu, einer der besten und wichtigsten Rockbands der 80er- und 90er-Jahre ihren Dank für großartige Musik auszusprechen und für großartige Songs wie "It's The End of the World", "Man On The Moon", "Everybody Hurts" oder "Losing My Religion". Songs, die sich tief im Herzen festgesetzt haben, die eine ganze Generation prägten und die von zeitloser Schönheit sind.

Keine überraschende Entscheidung

Dabei kommt das Ende keineswegs überraschend. Die junge aufmüpfige College-Band, die 1980 mit ihrer Musik die Welt verändern wollte, wurde Kraft ihrer Musik in einen Ruhm katapultiert, dem sie nicht immer gewachsen war, mit dem sie sich aber immer wieder zu arrangieren wusste. Schon vor ein paar Jahren erzählte Michael Stipe dem Musikmagazin "Rolling Stone", dass sie nie darauf aus gewesen seien, mit R.E.M. Karriere zu machen: "Wir wussten einfach, dass wir Lust darauf hatten und dass wir aufhören würden, wenn wir es nicht mehr machen wollten." Nun kommentiert Stipe die Trennung mit den Worten: "Wer eine Party besucht, sollte immer wissen, wann es Zeit ist, zu gehen."

Die Party begann am 5. April 1980 in einer Kirche in Athens/Georgia mit dem ersten Auftritt von Kunststudent Michael Stipe, Schallplattenverkäufer Peter Buck, Drucker Mike Mills und Studioschlagzeuger Bill Berry, der damals noch zum Quartett gehörte, die Band 1997 aber krankheitsbedingt verließ. Twisted Kites nannten sie sich da noch, auf der Suche nach einem neuen Namen kamen sie auf R.E.M., Abkürzung für Rapid Eye Movement, eine Schlafphase des Menschen, bei der sich die Augen sehr schnell bewegen. 1983 erschien mit "Murmurs" die Debüt-LP und R.E.M. wurden schneller zu Stars, als es ihnen lieb war. Im Oktober 1985 traten sie erstmals in Berlin im Metropol am Nollendorfplatz auf, im Gepäck das dritte Album "Fables of the Reconstruction".

Eigentlich waren sie nie eine Stadion-Band. Diese so klug wie poetisch formulierten Lieder, diese Musik, die Folk- und Punkelemente zu einem bewegenden Indierock-Ganzen verschweißte braucht Nähe. R.E.M. verstanden es allerdings immer, dieses Gefühl von Nähe zu suggerieren, selbst in einer ausverkauften Waldbühne. Beim Konzert 2003 hatte der charismatische Stipe seine rimbaudsche Introvertiertheit längst abgelegt und plauderte immer wieder drauf los. "Wir waren noch gar nicht im Hotel. Als wir heute angekommen sind, waren wir gleich in Mitte zum Schuhe kaufen", sagte er damals und hielt den Fuß hoch. "Diese Schuhe sind sogar besser als die von Björk." Schon da waren R.E.M. nicht mehr die Rock-Rebellen, die in den Achtzigern den Weg für Scharen neuer, aufregender Rockbands geebnet hatten.

Im vergangenen Jahr ließen sie sich in Berlin nieder, um im legendären Hansa-Studio "Collapse Into Now" einzuspielen. Ein Song heißt "Überlin", ist eine Hommage an Übermetropole und Nahverkehr. In jenen Tagen geschah es, dass bei einem Konzert von Patti Smith in der Zitadelle Michel Stipe mit auf der Bühne stand oder Peter Buck überraschend bei Pearl Jam in der Wuhlheide mitspielte. Und Stipe mehrfach im Berghain gesichtet wurde.

Ein natürlicher Schlussstrich

Wenn man sich das bewundernswert gelungene Album "Collapse Into Now" genau anhört, kann man feststellen, dass es bereits nach Vermächtnis klingt. Es ist eine Rückbesinnung auf die Anfänge von R.E.M., eine Rückkehr an die Wurzeln, dorthin, wo alles begann. "Wir haben gemerkt, dass diese Songs einen natürlichen Schlussstrich unter die letzten Jahre unserer Zusammenarbeit ziehen", sagt Mike Mills denn auch. Und betont, dass die Trennung in aller Freundschaft über die Bühne gegangen sei. Solo-Projekte können kommen. Und die Hoffnung bleibt: Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Band nach ein paar Jahren Pause wieder zueinander findet.