"Polizeiruf"

Gespenstisches Kammerspiel im Tunnel

Es ist ein miserabler Tag für Kommissar Hanns von Meuffels. Einem Kinderschänder redet er ins Gewissen, der greint "Gott verzeiht", woraufhin Meuffels das Zimmer verlässt, um Kaffee zu holen. Als der Becher überläuft, hört er den Schuss: Der Unglückliche hat die Pistole eines Wachmanns gegriffen und sich erschossen.

Der grantelnde bayerische Hausmeister weist dem Ermittler einen leeren Raum zu und beobachtet, wie der behutsam das Kruzifix von der Wand nimmt. Nun will Meuffels nach Hause gehen, aber im Foyer sieht er die Zeichnung von einem Rucksack mit einem Sprengsatz, den eine Taschendiebin am Bahnhof gesehen haben will. Er glaubt dem Mädchen, nun läuft das Polizeiprogramm an.

Mit Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) schaut Meuffels (Matthias Brandt) dann über das abendliche München: Von ferne leuchtet rot die Arena. Die beiden Polizisten fahren zum Stadion, und dort explodiert der Rucksack. Es sind mehrere Detonationen, alles ist von Staub bedeckt, Menschen irren umher und liegen auf dem Boden, nur Meuffels' Taschenlampe beleuchtet Szenen des Chaos. Eine Frau sucht nach ihrer Tasche und ist kurz danach tot. Meuffels kümmert sich um einen Jugendlichen, der unter einer Betonplatte liegt und nicht geborgen werden kann. Der Notarzt hat ihn aufgegeben und verabreicht Morphium.

Die Szenen nach dem Anschlag seien "zu drastisch", beschloss der Bayerische Rundfunk, der "Denn sie wissen nicht, was sie tun" in Auftrag geben hatte; nun wird der Film nicht am Sonntag um 20.15 Uhr, sondern bereits heute Abend um 22 Uhr gesendet. Eine weltfremde und unnötige Entscheidung, denn Regisseur Hans Steinbichler zeigt keine Verstümmelungen, kein Blutbad, kein Gemetzel: Er weidet sich nicht am Terror, sondern zeigt realistisch den Schauplatz einer Detonation. Die längste Zeit aber ist dieser Thriller ein gespenstisches Kammerspiel im Tunnel: Meuffels spricht mit dem Verletzten, und der Zuschauer ahnt, dass er der Attentäter ist. Langsam tastet der angeschlagene Polizist sich an die Geschichte des Jungen heran, der sich zunächst Peter nennt und dann Muhrat, der zuerst falsche Informationen gibt und dann richtige, der wütend ist und demütig, in die Bewusstlosigkeit fällt und aufwacht. Muhrats Wohnung wird durchsucht, der Vater kommt hilflos in den Tunnel, die Mutter, die jahrelang nichts von dem Sohn wissen wollte, bricht am Telefon weinend zusammen.

Im Polizeidezernat beginnt derweil das "Drahdiwaberl", wie der Hausmeister grummelt: das Brummmkreiseln. Die Einsatzleiter Max Unterkofer (desillusioniert: Sigi Zimmerschied) und Silke Mayer (forsch: Saskia Vester) werden bald von LKA und Verfassungsschutz abgelöst, die wichtigtuerisch das Kommando übernehmen. Hier geht es um Politik, um Gefährdungs-Einschätzungen, um Karrieren. Im Halbdunkel verfolgen die Beamten die Berichte und prüfen die Aufnahmen der Überwachungskameras, die schließlich zeigen: Es sind zwei Jungs mit Rucksäcken, die mit der U-Bahn zur Arena fuhren. Wo ist der zweite?

So wird der Film zu einem schmerzlichen Endspiel zwischen Matthias Brandt und Sebastian Urzendowsky. Der eine wird sterben, der andere wird weiterleben: Diese hoffnungslose Konstellation gibt dem Dialog die dramatische Form der Beichte. Meuffels, der Schlimmeres verhindern muss, ist der Fremde, der dem Jungen das Leben nicht retten kann, sein Beistand eine existenzialistische Lektion wie in einer Parabel von Camus.

Hans Steinbichler inszenierte die Todesfuge von Christian Jeltsch als Requiem auf ein verfehltes Leben, das sich im Hass auf die libertinäre Gesellschaft eine Ausflucht suchte. Zeichen wie der kleine Blutfleck auf Meuffels Handfläche nach dem Selbstmord sind ebenso aufdringliche wie eindringliche Symbole in diesem elegischen Film, der die gefährdete Jugend zeigt und müden Erwachsene: Jeder hat sein Kreuz zu tragen.

Polizeiruf 110 Denn sie wissen nicht was sie tun. ARD, 22 Uhr.