Roman

Kälte als Lebenshaltung

Der Gang der Geschichte kann verteufelt eng und düster sein. Angst steigt einem darin wie Flutwellen die Glieder hoch. Verzweifelt drückt man sich von Kälte umfangen in ihm herum, sucht sich, verliert sich, begegnet sich selbst in anderer, finsterer Form.

Erinnerungen, Bilder verfolgen einen. Und je näher man sich selbst zu kommen glaubt und dem, was man für seine Identität, für Realität hielt, desto mehr löst es sich auf, so wie sich ein Fernsehbild auflöst, je näher man dem Bildschirm kommt. Bis man an dem zweifelt, auf das sich der Mensch besonders viel einbildet - an seinem Verstand.

Die Vorrede war jetzt nötig, weil wir uns jetzt in exakt so einen Geschichtsgang begeben müssen. Oder dürfen. Inka Parei hat ihn entworfen. Sie ist ziemlich gut darin, derartige Gänge zu entwerfen, in denen Dunkelheit ist und Kälte. Sie ist sozusagen für die deutsche Literatur die Vexierspiel- und Labyrinthbeauftragte. Es ist ein schön verzweigter, ein verwirrender Gang, den die 1967 in Frankfurt geborene, aber längst in Berlin aufgegangene Bachmannpreisträgerin von 2005 für "Die Kältezentrale", ihren dritten Roman entworfen hat. Einen Mann hat sie in dieses Labyrinth gestellt, dem nicht viel Zeit bleibt, wie er meint. Ein paar Tage hat er noch, wie der klassische Held im Film, dann muss er wissen, ob der Mann, an dessen Tod er sich seit zwanzig Jahren die Schuld gibt, tatsächlich tot ist. Damit meint er, mit der Nachricht, dass der Totgeglaubte lebt, könnte er Martha, die erste Liebe seines Lebens halbwegs retten, die mit einer rätselhaften Krebserkrankung in einem Neuköllner Krankenhaus liegt.

Außerirdischer im Westen

Von mehreren Seiten, mehreren zeitlichen Schichten her, nähern sich Roman und Mann - 41 ist er, in Halle geboren, zum Kältetechniker ausgebildet, noch vor der Wende in den Westen ausgebürgert, verheiratet, Vater eines Sohnes, Lehrer für Deutsch und Geschichte im Süddeutschen - der Wahrheit über eine entscheidende Nacht in seinem Leben. Im Mai 1986 war ein junger Mann vom Dach der Kältezentrale des "Neuen Deutschland" (ND) gesprungen, einem Raum, in dem die Kältemaschinen arbeiteten, mittels derer die Druckmaschinen und das Papier auf Betriebstemperatur gehalten wurden. Er gibt sich die Schuld am Tod des Jungen.

Diese Nacht hatte er allerdings genauso in sich vergraben wie seine Jugend im vermeintlichen Sozialismus, seine vielleicht gar nicht so verlorene Ostidentität. Als Außerirdischer im Westen hatte er sich eingelebt, alles vergessen. Bis ihn drei Anrufe von Magda aus seinem falschen Schlaf weckten. Und eine Fragespirale in Gang setzten. Ist der Lehrling damals tatsächlich gesprungen, ist er überhaupt tot, was hat es mit dem Lastwagen auf sich, in dem er zuletzt geschlafen hatte und der aus der Ukraine kam (die Atomkatastrophe von Tschernobyl war kaum drei Wochen her), rührt am Ende Magdas Krebserkrankung von einer Verstrahlung, war da noch etwas ganz anderes? Pareis Erzähler streift auf der Suche nach Antworten durch seine Biografie.

Von ihrem (vielleicht, hoffentlich vorläufigen) Ende her. Als wir ihm begegnen liegt er in einer Notunterkunft unter lauter Männern, zusammengeschlagen, ruhelos, der Auflösung nahe. Hatte sämtliche Kollegen besucht, die damals in der Kältezentrale arbeiteten und erst ihn, dann den Jungen gemobbt, gefoltert hatten, hatte Martha verfallen sehen, und sich dabei immer tiefer in einen ziemlich dunklen deutschen Geschichtsraum verlaufen.

Wie schon der Alte in Rödelheim, den Parei in ihrem zweiten Roman "Was Dunkelheit war" in den Tod begleitete, ist auch der Kältezentralist ein Weiterleber, ein Amrandsteher, ein Zuseher, ein Getriebener von der Geschichte, ohne dass er es wusste bis zuletzt. Und eine höchst durchschnittliche Existenz, die es durch Pareis Kunst der psychologischen und politisch-historischen Vertiefung zu einer herausragender Größe und Symbolkraft für eine ganze Generation bringt. Während durch den Kopf des Alten die Bilder der (west-)deutschen Geschichte von Krieg bis RAF-Terrorismus flackern, flackern über die Wände der "Kältezentrale" die Bilder aus der DDR, aus einer durchaus typischen Kindheit und Jugend. Und sie kreisen um eine zentrale Frage: "Wie soll man die Zeit, in der man noch sehr jung war, begreifen, wenn die Bedingungen, unter denen man einmal gelebt hat, nur noch in der eigenen Erinnerung existieren." Wie weit ist dieser Erinnerung überhaupt zu trauen, wenn schon dem prägenden überlieferten Geschichtsbild nicht zu trauen ist. Wieweit ist Identität noch möglich, wenn das einstmals zentrale identitätsstiftende Element in den Orkus der Geschichte gefahren ist.

Ein gespenstisches Spiel

Der Kälteexperte will, muss der Erinnerung (an die Nacht im Mai, an sein Leben) auf den Grund gehen. Mit durchaus aufklärerischer Tendenz - einen Brief an seinen Sohn fängt er an, nachdem er das alte ND-Gebäude noch einmal gesehen hatte, seine Ruinen besser gesagt, und ihm aufgefallen war: "Meine Vergangenheit, die hier verrottet, ist ganz anders als das, was euch, den Nachfolgenden, in Büchern und Filmen gezeigt wird." Ein gespenstisches, schwarzromantisches Spiel inszeniert Inka Parei, um einer Antwort, um der Wahrheit näher zu kommen darüber, was Vergangenheit war.

Kälte ist dabei natürlich mehr als bloß ein Gefühl auf der Haut. "Sie war Selbstbeherrschung, Vernunft, die das Unkontrollierbare bezwang. Etwas, das ich damals wohl für männlich hielt." Sie war Lebenshaltung, diese Kälte, sie gab einem Leben Halt. Bis es an ihr zerbricht. Und ist Symbol eines politischen Systems, das die Menschen, die in ihm lebten, bis ins Mark erfror, ohne dass sie es merkten.

Es hat in diesem Herbst geradezu eine Flut von Romane gegeben, die sich in diesen, fast schon literarisch ausgeforschten Gang der Geschichte begeben haben - in die Geschichte der DDR und ihren Nachwehen nach der Wende. Sie alle hatten einen mehr oder weniger realen biografischen Hintergrund, sie verdankten sich in der Mehrzahl einem manchmal beinahe selbsttherapeutischen Impuls. Die Geschichte, die Inka Parei in der "Kältezentrale" erzählt, ist definitiv nicht ihre eigene. Es ist die Auseinandersetzung mit dem, was im Menschen bleibt, wenn sich seine Welt auflöst. Es ist der Beweis, dass man - auch historisch - nicht erlebt haben muss, von was man erzählt. Es ist der Triumph der Empathie. Großes Buch.

Inka Parei : Die Kältezentrale. Schöffling, Frankfurt/M. 210 Seiten, 19,95 Euro.