Interview mit Helen Mirren

Vom Glück, erst spät berühmt zu werden

Um ein Haar wären wir zu spät zu Helen Mirren gekommen! Die 66-jährige Oscar-Preisträgerin ("Die Queen") weilte für einen Tag in Berlin, um ihren Thriller "Eine offene Rechnung" vorzustellen, der heute in die Kinos kommt. Sie empfing allerdings im Ritz Carlton - ebenda, wo der türkische Staatspräsident Abdullah Gül residierte.

Wegen der verschärften Sicherheitsbestimmungen wären wir beinahe nicht ins Hotel gekommen. Das ging ihr aber selber so. Peter Zander hat mit der Schauspielerin gesprochen.

Berliner Morgenpost: Nach "R.E.D." ist "Eine offene Rechnung" Ihr zweiter Film, in dem Sie eine pensionierte Agentin spielen, die reaktiviert wird. Werden Sie auf Ihre, pardon, älteren Tage noch ein Action-Held?

Helen Mirren: O, bitte ja. Früher habe ich Action verpönt. Aber jetzt liebe ich sie. Du brauchst nicht spielen, kein Acting, das macht alles die Action. Sehr angenehm. Und ich war ja immer schon eine sehr physische Schauspielerin.

Berliner Morgenpost: Nicht nur was Action anbelangt. Sie haben letztes Jahr für Furore gesorgt, als Starfotograf Jürgen Teller Sie nackt in einer Badewanne abgelichtet hat.

Helen Mirren: Was ich überhaupt nicht verstehe. Die Fotos habe ich gemacht, um für "Love Ranch" zu werben, einen Film meines Mannes Taylor Hackford. Und wie so viele andere in meiner Zunft hatte ich immer wieder Rollen, in denen ich mich ausziehen musste. Scheinbar haftet jetzt auf ewig die Queen an mir, dabei bin ich doch auch ein Kalender Girl. Vielleicht bin ich aber auch das gute Mädchen, das auf böses Mädchen macht. In Großbritannien sind die Menschen nach wie vor recht prüde. Ganz zu schweigen von den USA. Bei Ihnen soll man da ja laxer sein.

Berliner Morgenpost: Ich weiß, es schickt sich eigentlich nicht, mit Damen über das Alter zu sprechen. Verzeihen Sie mir, wenn ich es dennoch tue.

Helen Mirren: Dachte ich's mir doch, dass das nicht bei der Badewanne bleibt.

Berliner Morgenpost: Sie haben kürzlich einen hübschen Kurzfilm mit Billy Crystal gedreht, "When Harry Meets Sally 2". Da schwören Sie sich ewige Liebe - als Vampire mit dritten Zähnen. Am Ende heißt es: "Getting Old Sucks". Alt werden ist Scheiße.

Helen Mirren: Ich kann mich da gar nicht beschweren. Meine schlimmste Zeit war eher als junger Hüpfer. Mir hat, als ich Anfang 20 war, ein Wahrsager prophezeit, ich würde großen Erfolg haben, aber erst mit Ende 40. Das ist nicht gerade das, was man als aufstrebende Schauspielerin hören will. Und ich musste auch wirklich durch ein langes langes Tal. Aber am Ende hat sich das wirklich erfüllt. Richtig bekannt wurde ich erst durch die Polizei-Serie "Heißer Verdacht"; da war ich 45. Und dann mit "Die Queen"; da war ich knapp 60. Dafür muss ich eigentlich dankbar sein. Wenn du als junger Mensch Erfolg hast, dann kann dich das ganz schön aus der Bahn werfen. Und irgendwann muss dann unweigerlich auch mal ein Rückschlag kommen. Mich kennen die meisten dagegen nur mit Falten, also erst ab einem "gewissen" Alter, wie das so schön heißt. Damit bin ich eigentlich ganz gut gefahren.

Berliner Morgenpost: Viele Schauspielerinnen klagen, dass es ab diesem gewissen Alter keine Rollen mehr für sie gibt. Ist das eine Legende?

Helen Mirren: Nein, das ist schon immer noch so. Zählen Sie doch mal, wenn Sie das nächste Mal im Kino sitzen, wie viele Männer und wie viele Frauen in dem Film mitspielen. Ich komme auf ein Verhältnis von 5:1. Wobei es nicht ohne Komik ist, dass ich in letzter Zeit öfter Rollen spiele, die eigentlich für Männer gedacht waren. In der Shakespeare-Verfilmung "The Tempest" wurde eigens für mich der Prospero zu einer Prospera umgeschrieben. Und in "State of Play" bekam ich den Part eines Chefredakteurs. Im Drehbuch stand da noch ein Mann drin, bei leitenden Funktionen kommt erst mal niemand auf die Idee, das auch mal mit einer Frau zu besetzen.

Berliner Morgenpost: Sie gehören also zu den wenigen Glücklichen, die sich nicht beklagen können?

Helen Mirren: Ich gehöre zu den Glücklichen. Ob es wenige sind...? Ich glaube schon, dass das Frauenbild sich verändert hat. Wenn früher eine Frau im Actionfilm mitgespielt hat, dann stand sie hilflos rum, hat hysterisch geschrien und der Mann durfte sie retten. Heute schlagen die Frauen zurück. Und nicht nur Frauen, sondern, siehe "R.E.D.", siehe "Eine offene Rechnung", auch ältere Frauen. Wir sind also schon ein gutes Stück weiter. Das hat aber nichts mit dem Filmbusiness zu tun, das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Wenn man also etwas verändern will, dann muss man was in der Gesellschaft vorantreiben.

Berliner Morgenpost: Sie drehen unermüdlich. Fünf Filme im letzten Jahr, vier in diesem, dazwischen spielen Sie noch Theater. Machen Sie eigentlich nie Pause?

Helen Mirren: Ich weiß auch nicht wieso. Irgendwie muss ich dauernd gegen meine eigene Faulheit ankämpfen. Vielleicht bin in dieser Hinsicht einfach ein wenig paranoid. Sehen Sie, ich bin ein Arbeiterkind, ich komme aus einfachen Verhältnissen. Deshalb treibt mich offensichtlich ständig die Angst um, ich könnte eines Tages nicht mehr für meinen Lebensunterhalt aufkommen. Das muss irgendwie ganz tief in mir drin stecken.

Berliner Morgenpost: Wie halten Sie sich fit?

Helen Mirren: Gar nicht. Wirklich. Auch in dieser Hinsicht bin ich sehr faul. Ich muss wohl gute Gene haben. Ab und an erwische ich mich mal bei etwas Yoga, das ist dann aber auch schon alles.

Berliner Morgenpost: Letztes Jahr hat Sie eine Fitnesskette in Los Angeles zum "Body of the Year" gekürt.

Helen Mirren: Und das ist natürlich völliger Unsinn. Ich habe noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen. Nehmen wir's als Kompliment.

Berliner Morgenpost: Ihr finaler Kampf in Ihrem neuen Film wird in einem Altersheim ausgetragen. Können Sie sich vorstellen, je selbst in Pension zu gehen?

Helen Mirren: Und ob. Was mich immer öfter anstrengt, ist das ständige Packen. Koffer auf, Koffer zu, Koffer auf, Koffer zu. Und diese Organisation. Wo hängt jetzt dieses Kleid? In Los Angeles? Oder in London? Immer häufiger beschleicht mich so ein Gefühl, nicht zu Hause zu sein. Ich würde gern irgendwo ankommen. Das ist bei meinem Beruf aber wohl utopisch.

Helen Mirren: Aktuelle Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage "Berlin live"