"The Specials"

Kleinkriminelle Kleidung, tanzbare Musik

Wie bei den meisten Konzerten lassen sich die musikalischen Hauptkoordinaten der Band, die jeden Moment die Bühne betreten kann, bereits vor der Veranstaltung bestimmen. The Clash, Toots & The Maytals, jede Menge Punk, jede Menge Reggae tönen über die Boxen in der Columbiahalle. Eine bessere Symbiose all dessen hat niemand je so rotzig hinbekommen wie The Specials.

Nur ein weißes Leinentuch trennt das Publikum noch von dem anderthalb Stunden währenden Tanzfanal, in dem ein Hit den anderen jagen wird, als gehe es hier darum ein Genre zu popularisieren, das seit Jahrzehnten Live-Musik erfolgreich gegen DJ-Pulte und Diskothekeneinheitsbrei verteidigt: Ska.

Hinter dem überdimensionierten Bettlaken treiben die Musiker im Intro zu "Do The Dog" ihre Schattenspielchen, proben noch einmal die archetypischen Bewegungen (rhythmisches Gitarreschwenken, hühnerhafte Armverrenkungen), bevor der Song seine wahre Identität zu erkennen gibt, der Vorhang fällt und der Saal zum brodelnden Hexenkessel gerät. Bei "Nite Club" hat der Groove von Bassist Horace Panter und Drummer John Bradbury auch die hinterste Reihe erreicht. Es kann kein Zufall sein, dass einer der Songs "Too Hot" heißt. Den Fans der ersten Stunde kann es natürlich gar nicht hitzig genug werden, geht es hier schließlich darum, ein Teil Jugend zurück zu holen. Klassiker wie "Concrete Jungle" sind auch recht hervorragend gealtert, was vor allem an der mitreißenden Performance von Sänger Terry Hall, Neville Staple, der für den Sprechgesang zuständig ist, der im Reggea und Dub treffend als Toasting bezeichnet wird, sowie den Gitarristen Roddy Byers und Lynval Golding liegt. Sie reichern die an sich monotonen Stile Reggea und Ska mit süchtig machenden Popmelodien an. Schnell wird klar, dass sich der Ruhm von The Specials, ähnlich dem der Sex Pistols, auf ein einziges Album gründet. Gute zwei Drittel der Show werden mit dem Wahnsinnsdebüt "Specials" von 1979 gefüllt.

Die Geschichte der Specials ist auch die Geschichte eines Labels, eines Sounds. In der englischen Industriestadt Coventry gründet Keyboarder und Songwriter Jerry Dammers 1977 mit den Freunden Golding und Panter die Revival-Combo The Specials in der Tradition jamaikanischen Skamusik der 50er-Jahre, zwei Jahre später folgt mit dem Debüt die Entstehung des legendären 2Tone Labels, das schon bald stilverwandte Bands wie Madness und The Beat unter Vertrag führt.

Mods und Punks, alle scheinen sich auf diese exotischen und urbritischen, pubertären wie cleveren Klänge einigen zu können. Zum Zeichen ihrer antirassistischen Haltung pflegen The Specials einen schwarzweiß karierten Look. Wer cool ist, trägt dieses Kleinkriminellen-Outfit: Knappe Anzüge, Turnschuhe, Sonnenbrille. Nach drei Alben steigt Dammers 1984 aus, die Band löst sich bis zur ersten Reunion auf. Zwischen 1996 und 2001 touren The Specials ohne ihren Kreativchef.

Seit 2008 sind sie nun bis auf Dammers wieder in Originalbesetzung unterwegs. Der schnodderige Style ist legeren Sakkos gewichen, der unerbittliche Rhythmus einem entspannt tickenden Beat, was der Message jedoch keinen Abbruch tut. Etwas Neues fällt diesen Herren wohl nicht mehr ein, aber keine Band hat die permanente Wiederholung so verinnerlicht wie The Specials. Ihre Musik wirkt deeply liberating, befreiend und Grenzen hinter sich lassend.