Musik

Nichts für Huster: András Schiff im Kammermusiksaal

Der Tod kommt erst auf leisen Sohlen, dann mit schweren Soldatenstiefeln. In seiner Sonate "Von der Straße" hat Leos Janácek einem Tischler ein Denkmal gesetzt, der 1905 bei einer Demonstration in Brünn vom Militär erstochen wurde.

Die beklemmende Vorahnung und den brutalen Ausbruch der Gewalt schildert András Schiff eindrucksvoll auf dem Flügel.

Der Ungar zählt wie Janácek zu den Künstlern, die sich ganz selbstverständlich politisch engagieren. Im Januar erregte der Pianist viel Aufmerksamkeit, als er sich mit einer Resolution gegen das ungarische Mediengesetz, gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus in seiner Heimat stellte. Beim Musikfest gab er ein ausverkauftes Benefizkonzert zum 30-jährigen Jubiläum der Organisation "IPPNW - Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges". András Schiff glaubt nicht an die Trennbarkeit von Kunst und Politik. Allerdings geht er nicht nur mit Politikern hart ins Gericht. Auch von seinem Publikum lässt er sich nicht alles gefallen. Nach Beethovens Sonate Nr. 30 wandte er sich im Kammermusiksaal der Philharmonie mit ungnädigen Gesten gegen vorlaute Klatscher. Janáceks Werk brach er sogar ab mit den Worten: "Dieses Stück kann man wirklich nicht mit Husten spielen." Dabei ist er an seinem Instrument alles andere als ein Draufgänger und Poltergeist, denn sein Spiel ist feinsinnig, geistreich, introvertiert, kantabel.

Schuberts G-Dur-Sonate durchstreifte er mit seinem herrlich entrückten Tastengesang. In Béla Bartóks Sonate von 1926 fand er neben hämmernden Rhythmen die spannenden Zwischentöne, das Innehalten im überdrehten Wahnsinn.

Beethoven spielte er mit nervöser Unruhe. Da steckte Beängstigendes unter der Oberfläche. Das passte zum Benefizthema der Matinee, ebenso wie der große Bogen: ein Sonatenabend mit vier Werken, die eigentlich keine klassischen Sonaten sind, weil sie die traditionelle Form sprengen und überzeugend individuelle Standpunkte vertreten.