Roman

Unwirkliches Märchen über ein Leben im Zeitraffer

Philipp Haibach

"Die Natur liebt die Jugend, und sie allein hätschelt sie und überschüttet sie wahllos mit allen Gaben; doch bei der ersten Falte nimmt sie ihre Geschenke unerbittlich Stück für Stück zurück", beschwerte sich Julien Green.

Aber dieser Fuchs sollte dem widerwärtigen Alter die Geschenke wieder zurückstibitzen, indem er kurz vor seinem Tod - Green ereichte das biblische Alter von 97 - an einem Büchlein über einen jungen Mann schrieb. Green hat ein Märchen geschrieben, ein kompaktes Destillat der Weltliteratur aus "Faust", "Dorian Gray" und "Education sentimentale". Erzählt wird die Geschichte des 20-jährigen Vivien, dem auf der Straße ein diabolischer Pakt vorgeschlagen wird: Ein Mann fordert seine Jugend, er will die Welt mit den Augen des Jüngeren sehen. Vivien lehnt ab und entgleitet dennoch in einen Strudel von Wachträumen. Sein Leben vergeht wie im Zeitraffer, dabei umfasst der Roman real gesehen lediglich den Zeitraum von zwei Minuten.

Manisch notiert der Beau und Taugenichts Vivien diese seltsamen ineinander geschachelten Wirklichkeiten, so etwa: "Ich bin erschöpft. Nicht mit einem, sondern mit zwei Mädchen habe ich meine Nächte verbracht." Später schreibt er auch den Mord an einer Geliebten nieder. Greens Buch ist ein einziger Angsttraum, die Wirklichkeit aber, zu der wir zu erwachen hoffen, ist nicht von dieser Welt.

Julien Green: Der Unbekannte, Hanser, 96 Seiten, 12,90 Euro