Interview

"Ich sage: Nein, zieh dich nicht aus"

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Einen Shakespeare pro Jahr will Thomas Ostermeier inszenieren. Morgen hat "Maß für Maß" an der Schaubühne Premiere, seine jüngste Regiearbeit kam bei den Salzburger Festspielen heraus. Ostermeier ist seit der Saison 1999/2000 künstlerischer Leiter der Schaubühne, seinen Vertrag hat er bis 2015 verlängert. Stefan Kirschner und Matthias Wulff sprachen mit dem 43-Jährigen über Nackte auf der Bühne, das junge konservative Publikum - und natürlich Shakespeare.

Berliner Morgenpost: Herr Ostermeier, Sie bekommen im Oktober den Goldenen Löwen der Theater-Biennale von Venedig für das Lebenswerk. Ist das nicht zu früh?

Berliner Morgenpost: Was soll ich machen? Ihn ablehnen, weil mein Werk noch nicht abgeschlossen ist?

Berliner Morgenpost: Einen Preis fürs Lebenswerk bekommen sonst alte Herren wie Udo Jürgens, damit man sich noch einmal an sie erinnert.

Berliner Morgenpost: Mag sein. Aber ich finde die Auszeichnung ganz toll und nehme den Preis natürlich an. Die kulturpolitische Situation in Italien ist unter Berlusconi desaströs. Der Hintergrund der Auszeichnung ist wohl, dass die Leute dort extrem unzufrieden sind, weil man erst ab 55 oder noch später Theaterdirektor werden kann, weil alle Posten besetzt sind. Ich glaube, die wollen ein Signal geben, dass man auch in jungen Jahren eine Bühne leiten kann.

Berliner Morgenpost: Da sind Sie ja geradezu ein Musterbeispiel.

Berliner Morgenpost: Dass man wie ich mit 30 Jahren an so eine prestigeträchtige Position kommt, ist in Italien undenkbar.

Berliner Morgenpost: Und Sie könnten 2012 auch noch Theaterbetreiber werden, denn Schaubühnen-Gründer Jürgen Schitthelm will sich nach 50 Jahren zurückziehen. Übernehmen Sie die GmbH-Anteile?

Berliner Morgenpost: Das werde ich nicht tun.

Berliner Morgenpost: Warum nicht? Ihr Kollege Claus Peymann am Berliner Ensemble fährt gut mit so einer Konstruktion, er kann sich sogar seinen Vertrag selbst verlängern.

Berliner Morgenpost: Ich wäre auf eine ungute Weise auf Gedeih und Verderb mit dem Haus verbunden. Das würde meiner Kunst schaden. Dann hieße es, der leitet das Theater ja nur, weil es ihm gehört - und nicht, weil es Sinn macht.

Berliner Morgenpost: Sie sind doch sowieso schon seit einer Ewigkeit mit der Schaubühne verbunden.

Berliner Morgenpost: Wenn ich Direktor wäre, dann würde ich nicht mehr darüber nachdenken, ob ich den Vertrag verlängere. Wir haben im Moment Drei-Jahres-Rhythmen, ich habe meinen Vertrag als künstlerischer Leiter von 2012 bis 2015 verlängert. Und denke darüber nach, wie es weitergeht. Ob ich noch eine Zeit dranhänge.

Berliner Morgenpost: Wovon hängt das ab?

Berliner Morgenpost: Davon, wie ich mit meiner Arbeit und der Entwicklung des Ensembles zufrieden bin und von der Akzeptanz in der Stadt. Es gibt kein interessanteres Theater als die Schaubühne mit den drei Bühnen und der flexiblen Raumaufteilung. Und Berlin ist für mich die attraktivste Stadt in Deutschland. Hier gibt es fünf große Theater, die miteinander konkurrieren. Das ist eine Superkonstellation.

Berliner Morgenpost: Leiden Sie unter der geografischen Lage?

Berliner Morgenpost: Total. Viele Freunde sagen mir: Eine ¾-Stunde in der S-Bahn, um "Hamlet" zu sehen, das ist verdammt hart.

Berliner Morgenpost: Da kann man nichts machen, oder?

Berliner Morgenpost: Kopenhagen hat ein wunderbares neues Theater gebaut, in Spanien und Russland gibt es auch Beispiele. Ich hätte nichts gegen einen Neubau in Mitte.

Berliner Morgenpost: So aber hat die Schaubühne ein Alleinstellungsmerkmal - und ein finanzkräftiges Publikum quasi um die Ecke. Kulturinteressierte Damen, die in Grunewald leben....

Berliner Morgenpost: ...kommen selten in unsere Vorstellungen.

Berliner Morgenpost: Und wir dachten, dass deshalb so viele Klassiker gespielt werden.

Berliner Morgenpost: Junge Leute schauen sich lieber Klassiker an, weil die sich sagen, so spare ich mir die Lektüre.

Berliner Morgenpost: Aber die sind der Bühnen-Provokationen überdrüssig?

Berliner Morgenpost: Die Zuschauer unter 30 sind viel konservativer als die über 40-Jährigen. In Publikumsgesprächen beklagen die sich häufiger darüber, dass in der Vorstellung schon wieder jemand nackt auf der Bühne steht.

Berliner Morgenpost: Da hat sich offenbar einiges gewandelt.

Berliner Morgenpost: Junge Leute haben heute ein anderes Bild vom Theater: Man versteht nichts, es ist laut, es wird die ganze Zeit geschrien, die Schauspieler ziehen sich aus - das sind die Klischees, die im Moment unterwegs sind. Wobei wir da zwischen allen Stühlen hängen. Ich behaupte, bei uns versteht man was, bei uns sind die Texte nicht komplett dekonstruiert.

Berliner Morgenpost: Und wie gehen Sie mit den Beschwerden über zu viel Nacktheit um?

Berliner Morgenpost: Ich habe bei "Hamlet" schon fast mit fast körperlicher Gewalt Sebastian Schwarz davon abhalten müssen, sich auszuziehen. Ich habe ihm gesagt, nein, das will ich nicht, zieh dich nicht aus, er antwortet, sei doch nicht so ein Spießer. Also: Ich habe damit nichts zu tun: Alle Nacktheit, die hier passiert, ist nicht von mir provoziert!

Berliner Morgenpost: Und in Ihrer neuen Inszenierung verzichten Sie darauf. Was hat Sie an Shakespeares "Maß für Maß" gereizt?

Berliner Morgenpost: Ein wahnsinnig aufregendes Stück, fast spannender als "Hamlet". Die Frage nach dem Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit, wir haben gerade erst die Diskussion um die Entschädigung für den Mörder von Jakob von Metzler gehabt. Und mich hat bei dem Stück gewissermaßen die Frage nach der Theaterleitung interessiert. Wie macht man es richtig? Indem man klosterähnliche Umstände ausruft wie ich hier am Anfang meiner Schaubühnenzeit - also kein Film, Funk und Fernsehen, alle Schauspieler verdienen dasselbe und es gibt Mitbestimmung -, oder die lockere Art pflegt und allen die Drehtage im Spielplan freischaufelt.

Berliner Morgenpost: Der späte Ostermeier.

Berliner Morgenpost: Dazwischen gibt es eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten, ein Haus zu leiten. Ich war nicht locker am Anfang. Jetzt bin ich wesentlich entspannter, toleranter und sinnenfreudiger.

Berliner Morgenpost: In "Maß für Maß" ist es Angelo, der alle nach dem gleichen Maß beurteilen will.

Berliner Morgenpost: Aber dann kommt ihm seine Libido dazwischen, er verliebt sich in eine Nonne, die kann er nicht kriegen, deshalb erpresst er sie, will den Bruder nur freilassen, wenn sie mit Angelo schläft. Es geht um Macht und Sexualität und darum, verschiedene Perspektiven auf den Tod auszuloten. Da steckt auch ein kleiner "Lear" drin: die Selbstvergewisserung, ob man alles richtig gemacht hat.

Berliner Morgenpost: Auf dem Weg zum Shakespeare-Regisseur.

Berliner Morgenpost: Ich habe mir vorgenommen, einmal im Jahr ein Stück von ihm zu machen.

Berliner Morgenpost: Bis Sie das umfangreiche Werk komplett inszeniert haben?

Berliner Morgenpost: Solche Ziele setze ich mir nicht.

Berliner Morgenpost: Warum denn ausgerechnet Shakespeare?

Berliner Morgenpost: Weil er am schwersten ist. Shakespeare ist kompliziert, eine unheimliche Herausforderung. Auf der Probe hat man das Gefühl, dass man das nicht hinkriegt.

Berliner Morgenpost: Sie arbeiten in "Maß für Maß" mit dem Wiener Burgtheater-Schauspieler Gert Voss zusammen. Lässt sich so ein Star von einem Regisseur denn überhaupt noch etwas sagen?

Berliner Morgenpost: Total viel. Voss ist irrsinnig selbstständig, wenn die Proben losgehen, hat der schon fünf Übersetzungen parallel gelesen. Der ruft mich nachts um halb zwei an, weil er die ganze Zeit über das Stück nachdenkt und deshalb nicht schlafen kann. Das passiert bei den jüngeren Schauspielern seltener.