Schlossparktheater

Schnösel trifft Greis: Ein weiser, wahrer Abend

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Soll man etwa gutes Essen vergeuden? Soll man nicht, vor allem, wenn man so ein knauseriger alter Herr ist wie Mr. Green, 86, verwitwet, allein. Als plötzlich der junge Angestellte Ross mit einer Mahlzeit vor der Tür steht, findet das Mr. Green gar nicht lustig, zumal als er erfährt, warum Ross da ist.

Er wurde vom Gericht zum Sozialdienst verdonnert, weil der den alten Mann beinahe überfahren hätte.

Doch allmählich entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden: Mr. Green löffelt begierig die koschere Suppe, und als er erfährt, dass auch Ross Jude ist, freut er sich auf ihn. Jetzt allerdings fangen die Konflikte erst an in Jeff Barons Kammerspiel "Besuch bei Mr. Green", das lässig zwischen Komödie und Drama pendelt: Ross ist schwul und Mr. Green so konservativ strenggläubig, dass er familiäre Leichen im Keller hat...

Vor allem aber liefert es im Schlossparktheater ergiebiges Schauspieler-Futter: Kauzig schleppt sich Michael Degen als scheinseniler Greis durch die kleine Wohnung, ein graues, zugemülltes Zwei-Zimmer-Appartement (Bühne: Stephan von Wedel), in dem die Kitchenette abgebaut und das Telefon eingestaubt ist. Nicht nur hier hat Green den Anschluss verloren, wie Ross bald feststellt, nachdem er das Zuhören lernt: Anfangs drängt Steffen Schroeder Degens Alten mit einer raumgreifend forschen Art an den Rand, hinter der sich unsichere Schnöseligkeit verbirgt. Dann tauen beide auf, aus den Scharmützeln werden generationsübergreifende Gespräche. Während Schroeder erst nach dem Coming Out leise Töne zulässt, pulsen durch Degens Körper von Anfang an Unbehagen, Freude, Schmerz: Wenn er mit seinen großen, kindlichen Augen aus seiner geduckten Haltung blickt, kann das ebenso eine Verteidigungsgeste sein wie Vorbereitung zum Angriff.

Einmal, Ross ist gerade verschwunden, nachdem er ihm von seiner verstorbenen Frau erzählt hat, nimmt Green die vertrockneten Blumen auf dem Tisch und tänzelt mit ihnen zu Jörg Gollaschs sehnsüchtiger Gitarrenmusik - ein seltener Glücksmoment. Beim nächsten Konflikt schon verwandelt er sich wieder in einen grantelnden Greis: "Ich glaube, ich werde mich noch ein bisschen hinlegen." Aber weder der Autor noch Regisseur Philip Tiedemann lassen ihn so leicht ausbüxen: Tiedemann, der vor Jahren mit Claus Peymann als Oberspielleiter ans Berliner Ensemble kam und dort zuletzt Thomas Bernhards "Immanuel Kant" inszenierte, federt Melancholie mit Witz, gibt den beiden Charakteren Raum zu wachsen und treibt sie dann konsequent aufeinander, ohne in Sentimentalität oder falsche Harmonie abzugleiten.

Dass man trotzdem lachen oder zumindest melancholisch lächeln kann, liegt am jüdischen Humor. So entwickelt sich am Schlossparktheater, das bei dieser Produktion mit den Jüdischen Kulturtagen kooperiert, ein lebendiger, ein weiser, ein wahrer Abend, an dem nur die Pause stört.

Schlossparktheater , Schlossstraße 48, Steglitz. Tel. 789 56 67 100, Termine: 16.-18., 29. und 30.9.; 1.-3. Oktober

( Georg Kasch )