Literatur

Buchpreis: Die Rückkehr des Bildungsromans

Den Deutschen Buchpreis wird in diesem Jahr eine Frau gewinnen. Für eine abermalige Siegerin spricht, dass die Bücher der drei Kandidatinnen jeweils ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal aufweisen: Sibylle Lewitscharoff hat mit ihrem Roman über den großen Gelehrten Hans Blumenberg den gedanklich anregendsten Roman des Herbstes geschrieben.

Angelika Klüssendorf erzählt in "Das Mädchen" von einer schier unglaublichen Rettung aus asozialen (DDR-)Verhältnissen und stellt damit in puncto Härte die Konkurrenz in den Schatten. Und die Österreicherin Marlene Streeruwitz hat sich als Einzige einen hochaktuellen Stoff vorgenommen. Ihre "Schmerzmacherin" ist eine Inneneinsicht in die Welt der global operierenden Sicherheitsfirmen wie Blackwater.

Dagegen fallen die Männer ab: Jan Brandts 900-Seiten-Provinzroman "Gegen die Welt" ist der überambitionierte Versuch, das ostfriesische Pendant zu Uwe Johnson und Uwe Tellkamp zu schreiben. Lesenswert ist Eugen Ruges spätes Debüt "In Zeiten des abnehmenden Lichts", ein DDR-Familienroman über vier Generationen, aber in seiner Erzählweise ganz konventionell. Es ist natürlich immer unfair, über einzelne Titel mit der Jury ins Gericht zu gehen. Aus einer Longlist, die schon zugunsten (zu) vieler Außenseiter mit sicherer Hand wichtige Titel ignorierte - etwa Annett Gröschners Berlin-Panorama "Walpurgistag", Michael Kumpfmüllers Kafka-Roman "Die Herrlichkeit des Lebens" oder Leif Randts Vision "Schimmernder Dunst über Coby County" -, hat die Jury eine respektable Shortlist gezimmert. Auffällig ist jedoch ihre Schlagseite zum romantisch-retrospektiven Komplex. Lange war der Bildungsroman nicht so präsent. Bei Brandt ist das ganz deutlich; aber auch die Schüler von Lewitscharoffs "Blumenberg" arbeiten sich am Gelingen ihrer Lebensreise ab. Wieder sieht es so aus, als habe die Gegenwartsliteratur mehr Herkunft als Zukunft zu bieten. Das ist nur die halbe Wahrheit.

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