Musik

Mick Jagger will Pop für alle machen - was für ein Irrtum

Seit Juni dieses Jahres redet Jagger über SuperHeavy, seine neue Prominentenband, und über "SuperHeavy", ihr Debütalbum. "Eine solche Platte habe ich noch nie gehört", erklärt der 68-Jährige. 2012 wird er den 50. Geburtstag seiner alten Band feiern, der Rolling Stones. Über das Bild des Sängers legt sich längst das Bild des Krämers.

Er durchschaut die rätselhaften Popökonomien der Gegenwart, um die Musik schert er sich weniger. Man sieht ihn durch den Videofilm zu einem Stück von SuperHeavy stelzen wie eine Mick-Jagger-Parodie. Ein knochiger Asket im rosa Nadelstreifenanzug tritt aus einem Laden für alternative Heilkunst und begrüßt die anderen wie Fußsoldaten. Die Leute tanzen auf der Straße. 1985 hatte Jagger "Dancing In The Street" mit David Bowie aufgenommen und sich von den Stones gelöst, um Michael Jackson zu entthronen. Triumphierend tänzelt er heute durch seine eigene Musiklandschaft.

So viel wirkt falsch an SuperHeavy, dass es nur ein Scherz sein kann oder ein Irrtum. Schon der Name klingt, als wäre eine Schülerband am Werk. Das Personal ist ein Problem, vor allem in der Summe. Damian Marley gilt zu Recht als großer Dancehall-Künstler, der die Bürde des geheiligten Bob Marley zu tragen hat, die Last des früh verstorbenen Übervaters. Hier ist der Sohn zuständig für Zwischenrufe wie "Livin' in da rhythm!" Indische Musik wehte schon in den Rock der Rolling Stones. Heute ist A.R. Rahman dabei. "Der Mozart des Madras" hat sich um die Hollywoodisierung Bollywoods verdient gemacht durch Musicals wie "Bombay Dreams" und die Filmmusik für "Slumdog Millionär". Dave Stewart hatte seine beste Zeit als Hälfte der Eurythmics neben Annie Lennox. Später spielte er in der Band The Spiritual Cowboys. Er besitzt ein Studio auf Jamaika, zuletzt half er Joss Stone beim Liedermachen. Deshalb wirkt die 24-Jährige nun ebenfalls auf "SuperHeavy" mit. Bereits mit 16 sang sie heiser wie eine betagte Baumwollpflückerin. "Aretha Joplin" wurde sie genannt. Es war als Lob gemeint, aber es sprach dem Wunderkind auch eine eigene Stimme ab.

22 Stücke will die merkwürdige Gruppe an sechs Arbeitstagen aufgenommen haben. Zwölf davon gelangten auf ihr Album. Wer sich Prominente einlädt, muss sie auch beschäftigen, und so ist die Musik sich ständig selbst zuviel: Im Auftaktsong, ruft Damian Marley unaufhörlich "Superheavy!", während Jagger allen rät, sie mögen auf die Stufen achten. "Satyameva Jayathe" hört sich an, als liefen Yoga-Rundgesänge aus dem Ruder. Immer wieder messen Stone und Jagger sich in kleinlichen Duetten und Duellen. "Wir haben kein Genre ausgelassen", sagt Jagger.

So überladen "SuperHeavy" wirkt, so sehr leidet das gesamte Album an der Dominanz und Eitelkeit des Initiators. Er wirft seine Musikanten auf sich selbst zurück, auf ihre Herkunft und ihren bescheideneren Platz im Popgeschäft. Dave Stewart spielt in "I Can Take It No More" Gitarre wie Keith Richards, und vielleicht ist das Mick Jaggers Rache für die Schmähschrift seines Gitarristen. In "Life" verriet Richards: "Ich hatte jede Menge Ärger mit ihm, weil er dem Geschmack des Publikums auf die Spur kommen wollte." "SuperHeavy" soll, laut Jagger, wieder Pop für alle sein, nicht für Zielgruppen.

Die Idee der Supergruppe war von Anfang an ein Irrweg, als Manager berühmte Köpfe sammelten und sie als Attraktionen miteinander auf die Bühnen stellten. Es ging um Geld und Aufmerksamkeit. Um "die Musiksensation des Jahres", wie die Zeitschrift "Freundin" jetzt wieder über SuperHeavy schreibt. SuperHeavy ist nicht mehr als eine Band, in der Mick Jagger als Mick Jagger auftritt.

Die CD SuperHeavy: SuperHeavy (Polydor) erscheint am 20. September.

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