Peter Lohmeyer

"Irrsinnig anstrengend, aber lustvoll"

Es wurde aber auch langsam Zeit. Peter Lohmeyer, Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler, bekannt aus dem Fernsehkrimi "Wolfsfährte" oder dem Kinokracher "Das Wunder von Bern", tritt zum ersten Mal an der Volksbühne auf. Sein erster Ibsen ist es zudem, und die erste längere Zusammenarbeit mit Leander Haußmann, dem Regisseur von Filmen wie "Sonnenallee" und "Herr Lehmann".

Viele erste Male, und sie haben Peter Lohmeyer gereizt. Auch wenn er eine Rolle nicht aufgrund solch äußerlicher Gründe annehmen würde: "Ich entscheide immer nach dem Stoff. Wenn es für mich, aus meiner kleinen Welt heraus, Sinn macht, diesen Stoff zu erzählen, dann sage ich zu." So las er erst einmal Ibsens "Rosmersholm", bevor er Haußmann im Januar für die Hauptrolle zusagte.

Seit Probenbeginn wohnt der Hamburger in der Berliner Wohnung seiner Frau, der Starköchin Sarah Wiener, und genießt den Arbeitsweg per Fahrrad und S-Bahn, immer am Wasser entlang bis zur Rummelsburger Probenstätte der Volksbühne. Ab Freitag ist der schlaksige, jugendlich wirkende Schauspieler als Gutsbesitzer aus dem 19. Jahrhundert auf der Bühne zu sehen. "Das ist eine Figur, die sehr weit weg von mir ist", beschreibt er sein Verhältnis zu Ibsens Protagonisten. "Die einzige Parallelität die wir haben: Ich bin Pfarrerssohn, Rosmer ist ehemaliger Pfarrer." Johannes Rosmer lebt mit Rebekka West auf Rosmersholm, dem Gut seiner Väter. Er hat dem christlichen Glauben abgeschworen und verfolgt ein neues Ziel: "Adelsmenschen" heranzubilden, im einfachen Mann die Kraft zu eigenständigem Denken und Handeln zu wecken. Eine Missionsarbeit säkularer Art.

Lohmeyer erkennt den Tonfall wieder, den Ibsen seinem Ex-Pfarrer verliehen hat. "Man spürt in diesem Text bestimmte Litaneien. Das kenne ich von zu Hause, das habe ich bei meinem Vater erlebt." Diesen Teil seiner Biographie konnte Lohmeyer nutzen, um sich den Rosmer "ranzuholen", für dessen rebellisches Denken er Sympathien hegt. Der politische Konflikt aus dem 19. Jahrhundert hingegen scheint ihn zu befremden. Rosmers Freidenkertum bedeutet für seine konservativen Zeitgenossen einen Tabubruch sondergleichen. Der Schwager nutzt die "wilde Ehe" von Rosmer und Rebekka - die bislang platonisch verlief - als gesellschaftliches Druckmittel, hat sich seine Schwester Beate doch vermutlich umgebracht, weil sie dachte, Rebekka erwarte ein Kind von Rosmer.

Das "Ranholen" Rosmers war offenbar ein hartes Stück Arbeit. Wenn sich Peter Lohmeyer den Annäherungsprozess vergegenwärtigt, sieht er erst sehr konzentriert auf die Deckenlampe im Volksbühnen-Foyer, als wolle er sie einstudieren. Dann schließt er die Augen und fährt mit den Händen wie mit Schaufeln durch die Luft. "Ich habe Figuren gespielt, die mir viel, viel näher waren, die ich auf meinen Schatten legen konnte." Vaterrollen etwa entsprechen Lohmeyer, der selbst vier Kinder hat, aber auch kantige Rebellen oder einen wortkargen, verhärmten Kriegsheimkehrer wie Richard Lubanski aus "Das Wunder von Bern" verkörpert er glaubhaft.

"Hier muss ich mir den Schatten zurechtschneiden, damit er passt." Auch die Sprache rückt Rosmer weit weg. Regisseur Haußmann arbeitet mit einer noch von dem norwegischen Dramatiker Ibsen autorisierten deutschen Übersetzung. "Das ist eine Sprache von vor 100 Jahren", sagt Lohmeyer und setzt nahtlos hinzu: "Das macht es für mich im Anspruch irrsinnig anstrengend, aber auch lustvoll, das so zu erzählen, dass man es spannend hält, dass die Leute zuhören." Entspannt hat Lohmeyer die Beine hochgelegt, auf das winzige Tischchen, das für die Wassergläser bereit steht. Konzentriert überlegt er, wie viel er über die Inszenierung verraten soll. Textgetreu werde sie, sagt er schließlich - "96 Prozent das, was Ibsen geschrieben hat".

Für die Volksbühne, die vom Texte sampelnden Intendanten Frank Castorf geführt wird, ist dieser Ansatz zumindest ungewöhnlich. "Ich wäre nicht darauf gekommen, hätte ich das Stück im Spielplan gesehen", gesteht Lohmeyer zu, der bei "Rosmersholm" eher an das gediegene Wiener Burgtheater denkt. "Aber ich finde, Theater ist gerade dazu da, vieles möglich zu machen", sagt Lohmeyer. "Lasst uns den Ibsen doch einfach mal hinsetzen wie er ist", habe sich Haußmanns Team vorgenommen und im gut gemachten Klassiker der Ankündigung zufolge den "Krimi voller Suspense", die Politsatire und das Ehedrama entdeckt.

Lohmeyer genießt die Ensemblearbeit. Er ist dem Theater seit seinem ersten größeren Auftritt 1984 am Schauspielhaus Bochum treu geblieben - der besser dotierten Film- und Fernsehkarriere zum Trotz. Er spielte in Stuttgart, Düsseldorf, Wien, Hamburg. In Berlin arbeitete er nach der Wende mit Katharina Thalbach am Schiller-Theater. "Wenn ein Film abgedreht ist, sind plötzlich alle in alle Winde verstreut", benennt Lohmeyer einen Unterschied von Theater und Film. "Das ist ganz traurig. Beim Theater hat man das immer noch mal, wenn man etwas Tolles gemacht hat." Gern denkt er an die Inszenierung "Menschen im Hotel", für die er 2009 zu jeder Vorstellung von Hamburg aus dreieinhalb Stunden im Intercity nach Bochum pendelte. Und "Rosmersholm"? Lohmeyers Statement zur neuen Produktion kommt reichlich trocken rüber: "Ich glaube, das ist ganz spannend, was wir da machen."

"Man spürt in diesem Text bestimmte Litaneien. Das kenne ich von zu Hause

Peter Lohmeyer, Schauspieler