Interview mit Wladimir Kaminer

"Multi-Kulti hat das Land entspannt"

Der russisch-deutsche Schriftsteller und Wahlberliner Wladimir Kaminer (seit der Wiedervereinigung ist er deutscher Staatsbürger) verwandelt seit seinem Bestseller "Russendisko" sein Leben unter den Deutschen in witzige, absurde und oft überraschende Geschichten.

Seit 2000 hat er 15 Bücher mit Alltagsbeobachtungen vorgelegt und nun legt er sein 16. vor: Die Kurzgeschichten in "Liebesgrüße aus Deutschland" (Manhattan, 17,99 Euro) erzählen von seiner Familie, den russischen und nicht-russischen Freunden im Prenzlauer Berg, er trifft einen kläffenden Hund, der sich nur durch die Wörter "Heil Hitler" beruhigen lässt und den Punkmusiker, der sein Vermögen in Goldbarren anlegt und in einem Bahnhofsschließfach deponiert. Der amerikanische Journalist Eric Hansen hat sich für die Berliner Morgenpost mit dem russischen Schriftsteller getroffen und mit ihm über ein sich rasant veränderndes Deutschland gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie hatten angekündigt, als Bürgermeister zu kandidieren. Ich sehe aber nirgends Ihre Wahlplakate.

Wladimir Kaminer: Leider war das nicht möglich, ohne in eine Partei einzutreten.

Berliner Morgenpost: Was hätten Sie als Bürgermeister getan, was ein Profi wie Wowereit nicht schafft?

Wladimir Kaminer: Mein Anliegen mit dieser Provokation war, eine Alternative zum üblichen Profi-Bürgermeister anzubieten, der nichts im Kopf hat als Parteiplattform und Koalition. Ich wollte einen Bürgermeister, der das Engagement der Bürger stärkt - einen Bürger-Bürgermeister sozusagen. Die Schere wird immer größer zwischen Politikern und den Menschen, die in Berlin leben. Man sieht einerseits die Überforderung des politischen Personals und andererseits das steigende Selbstbewusstsein der Bürger.

Berliner Morgenpost: Steigendes Selbstbewusstsein der Bürger? Ist das eine versteckte Beschreibung von Autonomen, die Autos anzünden?

Wladimir Kaminer: Ein Bundespräsident - ich glaube, es war Köhler - sagte mal, eine Demokratie wäre in einer Gesellschaft nur möglich, wenn alle Menschen die Regeln einer Demokratie verstehen und verinnerlichen. Menschen, die Autos anzünden, und solche Chaoten, die die Regeln nicht verinnerlicht haben, würden die Demokratie gefährden. Das hört sich für mich aber wie die Beschreibung einer Diktatur an. In einer Diktatur müssen alle die Regeln verstehen und verinnerlichen. Eine Demokratie aber lebt gerade davon, dass keiner die Regeln versteht, ganz davon zu schweigen, sie auch noch verinnerlichen.

Berliner Morgenpost: Sie müssen zugeben, die Welt würde glatter laufen, wenn alles hier besser geregelt wäre.

Wladimir Kaminer: Die Russen sprechen sehr oft und sehr gern vom Untergang Europas, weil die Demokratie hier zu weit gefasst ist. Wenn alle Wahlrecht haben, selbst die, die keine Steuern zahlen, gibt es nur Chaos, hieß es neulich in einer populären Radiosendung. Wenn selbst die Penner wählen, dann werden sie natürlich andere Penner wählen. Dann geht alles den Bach herunter.

Berliner Morgenpost: Sehen die Deutschen nicht genauso schwarz? Ich lese jede Woche im "Spiegel" von irgendeinem Untergang.

Wladimir Kaminer: Der "Spiegel" ist apokalyptisch, weil Redakteure ihre Auflage verkaufen wollen. Wenn sie den Untergang nicht ständig vorhersagen, brauchen sie gar nicht erst ausliefern.

Berliner Morgenpost: Viele Leser nehmen ihnen das Geschwafel ab und verbreiten es gern weiter.

Wladimir Kaminer: Die Lautesten sind immer die, die kurzfristig denken: "Warum müssen wir Deutschen für alle zahlen? Die Armen und die Griechen? Und alles aus meiner Tasche!"

Berliner Morgenpost: Andererseits stimmt das ja auch - die Reichen müssen für die Armen aufkommen.

Wladimir Kaminer: Ich finde die EU einfach spannend. Ich war schon immer ein Freund von großen politischen Gebilden. Natürlich ist es attraktiv, nur groß und stark zu sein und keine Kleinen und Armen unter sich zu haben, um die man sich kümmern muss. Die Europäische Union könnte theoretisch diese kleinen, armen Länder eins nach dem anderen rausschmeißen, bis nur die Reichen unter sich sind. Aber ein Land wird immer ärmer als die anderen, und irgendwann besteht die Europäische Union nur aus Deutschland.

Berliner Morgenpost: Wenn man den Deutschen vor dem Wirtschaftswunder nur erklärt hätte, dass mit großem Reichtum auch Verantwortung einhergeht, wären sie wahrscheinlich damals lieber arm geblieben.

Wladimir Kaminer: Leider geht es nicht, nur bestimmte Teile der EU zu retten und die anderen nicht. alle müssen zusammen gerettet werden oder gar keine. Das bedarf natürlich einer gewissen Großzügigkeit des Denkens, um den Nutzen von zum Beispiel Griechenland für das Ganze zu begreifen.

Berliner Morgenpost: Die Deutschen großzügig? Selbst als sie die langersehnte Wiedervereinigung gestemmt hatten, wurde hinterher gemeckert.

Wladimir Kaminer: Die deutsche Geschichte ist eine Geschichte der Niederlagen, die aus Misstrauen zum Nachbarn, aus Größenwahn und falschen Entscheidungen besteht, die weitere Fehler verursacht haben. Aber Deutschland hat aus seiner Geschichte wie kein anderes Land gelernt. Gerade dieses Land, das so oft durch einen Mangel an Großzügigkeit auf die Schnauze gefallen ist - wer sonst soll die kleinen Nachbarn als ein Teil des Ganzen sehen, wenn nicht Deutschland?

Berliner Morgenpost: Sie sind Optimist.

Wladimir Kaminer: Ich bin eigentlich Pessimist, aber optimistischer Pessimist. Wissen Sie, diese Niederlagen haben letzten Endes Deutschland viel mehr gebracht als den Russen der Sieg.

Berliner Morgenpost: Ich kenne Deutsche, die überrascht wären, das zu hören: dass sie aus ihrer Vergangenheit gelernt haben.

Wladimir Kaminer: Es ist aber so. Gerade dieses Multi-Kulti-Experiment, das angeblich gescheitert ist, hat Deutschland verändert und ungemein entspannt. Dieses Multikulturelle - das eigentlich gegen den Willen der Bevölkerung zustande kam - war wie Homöopathie: genau die richtige Dosis Gift für diese Gesellschaft, um sie am Leben zu halten. Jede Gesellschaft, die so hoch entwickelt ist wie Deutschland, verknöchert irgendwann. Sie braucht dann das Neue, Lustvolle, Frische. Die Ausländer bringen das Neue mit sich, ob die Deutschen es wollen oder nicht. Es ist schon in diese Gesellschaft eingedrungen und wird über kurz oder lang über das Dekadente siegen.

Berliner Morgenpost: Hat sich Deutschland weiterentwickelt?

Wladimir Kaminer: Aber natürlich sind die Deutschen anders als vor zehn Jahren. Ich fahre seit über zehn Jahren kreuz und quer durch die Gegend. Mein Leben ist eine einzige Lesereise. Wenn ich damals irgendwo eintraf, hieß es witzelnd in der Zeitung, "Die Russen kommen!" Oder der Veranstalter wünschte mir aufrichtig einen schönen Aufenthalt in Deutschland. Vor sieben oder acht Jahren wurde ich für einen Buchpreis nominiert, in der Kategorie ausländische Literatur mit zwei Amerikanern, obwohl sie auf Englisch geschrieben haben und ich auf Deutsch. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein Russe ein deutscher Schriftsteller sein kann.

Berliner Morgenpost: Die meisten Deutschen haben das Gefühl, dass sich hier nie etwas ändert.

Wladimir Kaminer: Der Blick von außen ist natürlich ein Vorteil. Ich kann diese Kaffeetasse vor mir besser von außen ansehen, als wenn ich drin säße. Ich bin auch gern Ausländer. Man kann das eigene Land so viel besser betrachten. Jeder sollte ein Fach auf der Universität belegen: "Ausländer sein."

Morgenpost-Autor Eric Hansen wurde 1960 in den USA geboren, lebt in Berlin. Er hat für "The Hollywood Reporter" und "Variety" geschrieben, war auf RadioEins mit seiner Kolumne "Planet Berlin" zu hören und schreibt Bücher, jüngst "Nörgeln! Des Deutschen größte Lust".