Philharmonie

Thielemann mit musikalischen Appetithäppchen

Am Anfang stand ein wahrer musikalischer coup de théâtre. Am Ende des ersten Stückes auf dem Programm der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Philharmonie wandte sich ihr künftiger Chef Christian Thielemann an das herzlich applaudierende Publikum und kündete überraschend an, man würde das gerade gespielte Stück zum besseren Kennenlernen sofort wiederholen.

Es handelte sich um das tatsächlich weitgehend unbekannte "Nocturne Symphonique" von Ferruccio Busoni aus dem Jahr 1914.

Die Staatskapelle ist ein uraltes deutsches Traditionsorchester, das man in West-Berlin durch die politischen Entwicklungen jahrzehntelang aus dem Blick, aus dem Ohr verloren hatte. Inzwischen ist es höchst erfolgreich wiedergekehrt, und aus der künftigen Zusammenarbeit mit Thielemann können nur weitere vielberedete und belobte, hochkarätige Entdeckungen und Wiederentdeckungen sprießen. Mit dem kleinen, nur zehnminütigen Busoni-Stück hatte man schließlich erst einen musikalischen Appetithappen aufgetischt. Sonst hätte man ihn ja auch nicht gleich zweimal hintereinander servieren können.

Busoni selbst sah später das sanft dahinrätselnde "Nocturne", mit seinen offenbar verqueren Wendungen, aufhorchen lassenden Andeutungen, die einem Sich-Heranschleichen an irgendein Neues ähneln, als eine Vorstudie zu seinem Großwerk "Doktor Faust". Busoni deckt im "Nocturne" freilich die Zukunft seiner kompositorischen Absichten noch nicht voll auf. Seine Kompositionskunst gleicht daher einem musikalischen Kreuzworträtsel, an dessen Lösung das Ohr freudvoll mitarbeitet.

Am Schluss des Abends stand dann monumental die 1. Sinfonie von Johannes Brahms. Zwischen die beiden großen B's, Brahms und Busoni, hatte man jedoch noch ein gewaltiges "Pf" gepflanzt: das Klavierkonzert von Hans Pfitzner aus dem Jahr 1922, das mit seinen vier Sätzen wie ein Aufschrei gegen das Vergessenwerden, das Überhörtwerden klingt. Barto reizte die Ausdrucksskala Pfitzners mit Lust und Laune aus und erspielte sich einen rauschenden Erfolg.