NS-Vergangenheit

Die zweite Karriere des Scharführers Reinecker

Dies ist keine Geschichte über eine literarische Instanz, die 50 Jahre lang "vergessen" hatte, dass sie in die NSDAP eingetreten war. Dies ist kein Artikel über eine moralische Instanz, der nach 50 Jahren einfällt, dass sie Mitglied der Waffen-SS gewesen ist.

Herbert Reinecker, der vier Jahrzehnte die Bundesrepublik mit seinen Drehbüchern für Kino und Fernsehen prägte wie kein zweiter, hat nie in Abrede gestellt, einer SS-Propagandakompanie angehört zu haben - und ist wohl deshalb den Enthüllungsspektakeln entgangen, die über Walter Jens und Günter Grass niedergingen.

Doch nun ist, kaum beachtet, das Buch "Reineckerland" erschienen, das nicht nur akribisch Reineckers zehn Propagandistenjahre beschreibt, die 1935 als "Jungvolkreferent" in der Reichsjugendführung begannen und 1945 mit dem letzten Leitartikel des SS-Kampfblattes "Das Schwarze Korps" endeten - sondern auch die Spuren seiner Weltsicht nach dem Krieg verfolgt, bis hin in einzelne Folgen von "Der Kommissar", "Derrick" und "Siska". Und plötzlich wird aus einem Einzelleben ein - wie Reinecker gesagt hätte - "deutsches Zeitbild" ungebrochener Kontinuität.

Es gibt nicht viele Interviews mit dem öffentlichkeitsscheuen Reinecker, der am Starnberger See manisch vor sich hinschrieb, 1975 etwa nicht weniger als 24 "Kommissar"- und "Derrick"-Folgen; ein Durchschnittsautor kann froh sein, wenn er ein Viertel davon schafft.

Das aufschlussreichste Gespräch, geführt 1994 fürs WDR-Radio, beginnt der Moderator mit der merkwürdigen Frage: "Wie entfernt man eine Tätowierung?" Reinecker, überrumpelt, schweigt zunächst. Auf Nachfrage, zögernd: "Das ist mir völlig unbekannt. Ich glaube, das ist eine sehr schmerzhafte Prozedur." Erst dann begreift er. Es geht um das SS-Blutgruppenzeichen, das er sich nach Kriegsende von einer österreichischen Bäuerin entfernen lassen wollte. Doch das Zeichen verblieb an seinem Oberarm, so Reinecker, "und nicht nur dort".

Dank "Reineckerland" lässt sich seine NS-Karriere nun gesichert nachverfolgen. Eingetreten in die Hitlerjugend 1934, kurz vor dem Abitur, erste Anstellung in der HJ-Presseabteilung Westfalen, ein Jahr später - mit 20! - ins Presse- und Propagandaamt nach Berlin, dort ab 1938 Chefredakteur der Zeitschrift "Der Pimpf - Nationalsozialistische Jugendblätter". 1940 Eintritt in die SS, Kriegsberichterstatter bei der Umsiedlung der Bessarabiendeutschen, 1941 an der finnisch-russischen Front und Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse, 1942 mit der SS-Division "Totenkopf" Augenzeuge der Kesselschlacht von Demjansk, 1943 Reporter an der norwegischen Eismeerfront, 1944 bei der SS-Panzerdivision "Hitlerjugend" in Flandern, bei Kämpfen mit den Alliierten in der Normandie verwundet, Ende 1944 Teilnehmer von Hitlers letzter Offensive in den Ardennen; kurz vor Kriegsende Flucht nach Österreich. Letzter Dienstrang der Hitlerjugend: Oberbannführer, bei der SS: Unterscharführer.

Die Stationen lassen sich deshalb rekonstruieren, weil Reinecker überall schrieb. Sein letzter Text erschien einen Monat vor der Kapitulation: "Wir stehen vor der bemerkenswerten Situation, erkennen zu müssen, dass es - vielleicht - möglich ist, uns militärisch zu besiegen, dass dennoch unser Glaube an die Richtigkeit unseres Auftrages nicht um einen Buchstaben verändert ist." Dieser Auftrag "muss und wird erfüllt werden".

Vom Mitläufer zum Mittäter

"Reineckerland" geht es nicht primär darum, die "Jugendsünden" des Herbert Reinecker (zu Kriegsende war er 30) bloßzulegen, immer schwingt die Frage mit, was der Nachkriegs-Reinecker daraus gemacht hat. Die Autoren konstatieren einen Werdegang vom "willigen Mitläufer bis zum innerlich überzeugten Mittäter im Gewand des Gutwilligen", der auch in seiner späten Autobiografie von den vielen Menschen sprach, "die des festen Glaubens waren, dass Gutes gedacht, Gutes in Wirklichkeit umgesetzt wurde" - es also für seine Generation quasi unmöglich gewesen sei, die schreckliche Natur des Nationalsozialismus in seiner Zeit zu erkennen.

Seinen perfekten Ausdruck findet dieses Geschichtsbild in einer "Kommissar"-Folge ("Tod eines Ladenbesitzers"), worin eine Gruppe von Senioren in einem mit harter Hand geführten Altenheim einen Kollektivmord begeht. Was die Alten den Jungen voraus haben, ist das Kameradschaftsgefühl der Kriegserfahrung, und so kennen und decken sie den Mörder. Kommissar Keller konstatiert, diese Alten seien in ihrem Heim quasi "ohne Schuld" inhaftiert - wie einst die Deutschen in ihrem Land durch die siegreichen Alliierten.

Dieses Schuldigwerden ohne richtig schuldig zu sein ist die Ur-Erzählung der unzähligen Fälle, die er konstruiert hat. Ihm geht es um Störungen der Ordnung, durch die ein Normalmensch (oder ein "Normalvolk") zum Verbrecher wird, zum Opfer seiner selbst, seiner Triebe und Antriebe, die er/es nicht mehr unter Kontrolle hat. Herbert Reinecker hat den Westdeutschen, in Hunderten Verkleidungen, die Schuld von der Seele geschrieben. Nur er selbst schlief immer schlechter. "Wenn ich nachts mal zur Ruhe komme", bekannte er in einem seiner letzten Interviews, "träume ich vom Krieg, nur noch vom Krieg."

Reineckerland von Rolf Aurich, Niels Beckenbach und Wolfgang Jacobsen. Edition text + kritik im Boorberg-Verlag, München. 300 S., 29,80 Euro.

Deutsches Historisches Museum Bis zum 2. Oktober läuft eine Reihe mit 19 Filmen zu NS- und Kriegsthemen, die Reinecker zwischen 1942 und 1975 geschrieben hat