Berlin Music Week

Größenwahn - was hast du uns angetan?

Am Donnerstag vor dem Schokoladen in Mitte werden noch Gitarren ausgeladen. Es ist kurz nach sieben. In zwanzig Minuten stehen Gary auf der Bühne. Robert Stadlobers charmante Indie-Schrammel-Band eröffnet den Abend des österreichischen Labels Siluh. Es muss pünktlich angefangen werden.

Weil sich die Beschwerden von Anwohnern häuften, ist um 22 Uhr Schluss mit Live-Musik. Stadlober prostet breit grinsend dem Publikum zu. Mit zerrissener schwarzer Jeans steht er auf der Bühne, spielt scheppernden Indie im Stile Sebadohs und Pavements. Das ist Musik, die glücklich macht, vielleicht etwas rückwärts gewandt.

Inzwischen regnet es, angeblich sollen Primal Scream ein Geheim-Konzert im White Trash spielen. Während der Music Week scheint alles möglich. "Stimmt das?" "Ja, ich hab ihn gesehen. Er sitzt an einem der Tische im oberen Bereich." Bobby Gillespie, Sänger, der Primal Scream, beängstigend dürr. Das Secret-Konzert, nur ein Konzert von Little Barrie, der Band des Scream-Gitarristen Barrie Cadogan. Macht nichts, auch ganz nett, ein Nebenprojekt. Ein Blues-Rock-Gejamme wie aus einer anderen Zeit, ein Gitarren-Solo-Schalldruck-Monster.

Übel ist der Klang

Am nächsten Tag leitet das Berlin Festival den Abschluss der Music Week ein. Zwei Tage lang bespielen die unterschiedlichsten Künstler den Flughafen Tempelhof und in diesem Jahr, ganz neu, vier verschiedene Bühnen um das Gelände der Arena in Kreuzberg. Die Konzerte in Tempelhof enden um 24 Uhr, danach sorgen Busse für den Transport der Feierwilligen. Nach Schweiß riecht es in denen, wie in einer Umkleide. Dafür kriegt jeder einen Sitzplatz, es wird abgezählt.

Nicht viele haben den Weg zu James Blake gefunden. 14 Uhr, Mainstage, eine Zeit, zu der doch niemand ernsthaft diesen Ausnahme-Künstler sehen können will, der wummernde Bass aus den großen Boxen-Türmen links und rechts der Bühne, zersetzt die fragilen Melodien, Blakes Synthesizer-Spiel ist kaum zu hören. Der Klang auf der Hauptbühne ist eines der schlimmsten Übel dieses Jahr. Bei Beirut knirscht jeder Ton, beim Hamburger Über-DJ Boys Noize kommt zwei Minuten Stille aus den Lautsprechern. Der Elektroniker merkt davon nichts. Die dicken Kopfhörer über den Ohren tanzt und jubelt er sich selber zu, als wäre nichts geschehen. Boys Noize ist der neue Elektro-Papst der Tage, jedenfalls des martialisch inszenierten Bumm-Bumm-Beat. Rammstein auf Techno.

Das Festival gibt sich ambitioniert, scheitert aber an den kleinen Dingen. So ist im Preis ein BVG-Ticket für die beiden Tage mit inbegriffen. Was jetzt genau das Ticket sei, also etwa das Bändchen, das einem Einlass gewährt, oder der selbst ausgedruckte Papier-Fetzen, der dann gegen das Bändchen getauscht wird, das vermögen die Kontrolleure am Eingang des Areals nicht zu sagen. Bei der BVG weiß man das auch nicht so genau. "Berlin Festival heißt ditte? Moment." Nach zwanzig Minuten ist klar, man benötigt den Ausdruck, auf dem so ein BVG-Logo drauf ist. Doof. Die meisten haben den beim Tausch gegen das Bändchen schon entsorgt. Apropos Bändchen. Martin Sonneborn, Vorsitzender von "Die Partei", rührt mit seinen Spitzenkandidaten, den Rappern von K.I.Z., die Werbetrommel. Lustig spucken die Musiker mit Wasser, ein Fotograf dokumentiert das Spektakel, Sonneborn trägt das Bändchen um den rechten Oberarm. Pubertärer geht's nicht.

Viele große Namen

"Ist das hier die Mainstage?", fragt eines der zwei Mädchen. Beide sind höchstens 18, die mit den dunkleren Haaren trägt noch eine Zahnspange. Bei "Don't Fight It, Feel It" tanzen sie, als gäbe es kein Morgen mehr. Scheinbar textsicher kommt aus es aus dem Spangenmund: "Gonna dance to the music all night long." Der mit der Warhol-Banane bedruckte Jute-Beutel schwingt um den Arm der Dunkelhaarigen. Die weiße Bluse ist ein paar Nummern zu groß, die Hose zu weit nach oben gezogen, der Bund ist in Höhe des Bauchnabels. Trägt man aber so, wie damals in den 80ern. "Ja, ist die Mainstage hier. Und das da oben sind Primal Scream", kommt die etwas genervte Antwort. "Wer?" "Primal Scream!" Bobby Gillespie, am Vorabend noch bewegungsfaul, macht derweil den ganz großen Entertainer. Viel zu singen hat er bei "Screamadelica", dem 1991 erschienen Album, eh nicht. Er ist der Anführer einer Rasselbande mit den großen Verstärkern. Entweder das Tamburin oder zwei Maracas in den Händen, wetzt er über die Bühne, wackelt übereifrig mit den Hüften.

Viele große Namen waren angekündigt: die Beginner, Suede, Public Enemy oder Boy George. Das ging nicht immer gut: Boy legte noch nicht mal selber auf, wippte nur müde mit dem weißen Hut-Kopf, sein Kollege Marc Vedo übernahm den Großteil der Arbeit. Suede spielten ein solides Greatest-Hits-Set herunter, die Beginner überzeugten mit neuen, elektronischeren Arrangements der alten Songs wie "Gustav Gans", zu dem natürlich drei Plüschtieren auf die Bühne kamen.

Der bemerkenswerteste Auftritt war der von Hendrik Weber. Unter dem Pseudonym Pantha du Prince veröffentlichte dieser mit "Black Noise" die schönste Techno-Platte 2010. Eine weiße Leinwand steht hinter ihm, es ist dunkel auf der Bühne, dichter Nebel verdeckt den im Dunkeln stehenden Musiker, Gespenster-Glocken-Klingen zum Abschied.