Kunstsache

Bitte ein Opernglas, damit man die Bilder dahinten gut sieht

Auf der Grillparty der Kunstmessen-Ausstellung ABC vor ein paar Tagen sah ich zufällig, wie Daniel Richter und Dirk von Lotzow an der Würstchenbude zusammenstanden. Sie waren ins Gespräch vertieft, man kannte sich wohl gut aus dem Hamburg des vorherigen Jahrhunderts. Von Lotzow singt mit seiner Band Tocotronic das Lied "Keine Meisterwerke mehr".

Daniel Richter versucht diese neuen Meisterwerke eben doch noch zu malen. Vermutlich wurde noch nicht mal in den Zeiten des Malereibooms so viel über Malerei geredet, wie in den vergangenen Tagen in Berlin. Das liegt nicht nur an der ABC, das liegt auch an Künstlern wie Sergej Jensen. Die Galerie Neu zeigt ihn gerade in einer Ausstellung. Die Intensität von Jensen Malerei beeindruckt mich immer wieder: Er nutzt das Vokabular des Minimalismus und des Color Field Painting, um seine eigene Geschichte der Malerei zu erzählen. In ein großes Bild aus zusammengesetzten grauen Stofflappen hat er zum Beispiel einen weißen Reißverschluss-ähnlichen Streifen eingenäht, der tatsächlich an Barnett Newmans "Zips" erinnert. Darunter hängt ein braunes Bild, in dem blaue Pinselstriche in ihrem Bogen über die Bildoberfläche verreckt zu sein scheinen. Jensen erzielt diesen Effekt, indem er die Farbe von hinten durch die grobe unbehandelte Leinwand drückt. Es gibt ein sakrales Bild mit roten Flecken und einer weißen aufgenähten Form, die an eine Kirche erinnert. Und es gibt ein schwarzes Bild mit einer Delle, von dem man das Gefühl hat, es würde einem gleich erzählen, es sei einfach nur gegen eine offene Schranktür gelaufen. Und dann gibt es das "Künstler verulkt den Kunstmarkt"-Bild: Es ist in Gerhard-Richter-Grau gehalten und hat in der linken oberen Ecke einen kleinen Geistesblitz aus Diamantenstaub. Besser und böser als Jensen kann man heute eigentlich kaum malen.

Bis 22. Oktober, Philippstr. 13, Mitte

Die neue Berliner Malerei-Ästhetik, die Jensen in den letzten Jahren mit geprägt hat, bezieht sich auf die abstrakte amerikanische Nachkriegsmoderne. Selbiges gilt für Matt Connors. Beim Besuch in der Galerie Veneklasen/Werner stolperte ich fast über eine hellbraune Leinwand, die der amerikanische Maler auf den Boden gelegt hatte, als handele es sich um eine Fliesenskulptur von Carl Andre. An einer benachbarten Wand hing eine gerahmte Papierarbeit, die lediglich einen kleinen schwarzen Graphitstrich zeigte. Außerhalb des Rahmens setzte sich dieser Strich dann allerdings als dicker Acryl-Balken fort. Connors spielt ähnlich wie Jensen mit dem traditionellen Gegensatz von Malerei und Objekt. Allerdings ist die Kunst des Amerikaners cleaner. Weniger rau. Demonstrativer. Er lässt zum Beispiel die flüssige Farbe von einer Leinwand auf eine andere laufen und rückt die beiden danach wieder auseinander. Oder er "malt" mit einem Bild ein anderes Bild, indem er sie aufeinanderlegt. Connors macht augenscheinlich gerade Karriere, er hat gleich zwei Ausstellungen in Berlin: nicht nur in der Galerie Veneklasen, sondern auch bei Lüttgenmeijer (Bartningallee 2-4).

Bis 22. Oktober, Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg

Frisch eröffnet und ziemlich spektakulär ist die neue Galerie von Nolan Judin in der alten "Tagesspiegel"-Druckerei. David Nolan und Juerg Judin haben das ehemalige Papierlager zu einem White-Cube-Palast umgebaut, in dem man ein Opernglas bräuchte, um die Bilder am anderen Ende des Raumes richtig zu sehen. Netterweise hat der britische Künstler Dexter Dalwood den Raum mit Riesenformaten gefüllt, die auch aus der Entfernung Eindruck machen. Ich mochte Dalwoods Finte, mit der er über Dichter spricht, aber eigentlich Maler meint. Das Bild "Heinrich von Kleist" erinnert an Manets Gemälde "Frühstück im Grünen" minus die Frühstückenden. Dalwoods Arbeit "Skunk Hour" (der Titel stammt aus einem Gedicht Robert Lowells) zeigt eine amerikanische Flagge im Rückspiegel eines Autos - offensichtlich die Bearbeitung eines Ed-Ruscha-Motivs, das aus ähnlicher Perspektive das Hollywood-Schild in L.A. zeigt. "Two Girls in a Poppy Field" hingegen verwies auf die Mohnblumenfelder-Bilder von Monet und war auch ein wenig impressionistisch.

Nach dem Besuch bei Nolan Judin war ich malereisatt und zufrieden und freute mich auf eine ordentliche Prise Skulptur in der kommenden Woche.

Bis 22. Oktober, Potsdamer Str. 83, Schöneberg

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien