Interview mit Harald Schmidt

"Ich möchte dem Land was zurückgeben"

Deutschlands Chefzyniker geht wieder in seinem alten Revier auf Pointenjagd: Übermorgen kehrt Harald Schmidt mit seiner Late-Night-Show zu Sat.1 zurück und wird künftig immer dienstags und mittwochs über Prominente lästern und die Ereignisse der Woche aufs Korn nehmen. Mit der Show, die er von 1995 bis 2003 bei dem Privatsender moderiert hatte, wurde er zum Star.

2004 wechselte er dann zur ARD, 2007 heuerte er Oliver Pocher als Ko-Moderator an, trennte sich aber schon nach 18 Monaten wieder von ihm. Nach seinem mäßig erfolgreichen Gastspiel im Ersten will der 54-Jährige bei Sat.1 an alte Erfolge anknüpfen. Martin Weber hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Schmidt, Sie kehren nach siebenjähriger Kreativpause bei der ARD zu Sat.1 zurück - was wird anders in der neuen Show?

Harald Schmidt: Nichts. Sie wissen doch, das deutsche Publikum will nichts anderes, das deutsche Volk überhaupt will nichts anderes. Wir wollen die D-Mark, Dr. Kohl und die Mauer mit Reisemöglichkeiten - und all das bietet meine Show bei Sat.1, oder anders ausgedrückt: Es wird sich nichts Wesentliches ändern.

Berliner Morgenpost: Sie haben aber erst kürzlich behauptet, dass jetzt alles ein wenig extremer werden soll.

Harald Schmidt: Stimmt, das war so zwischen Tür und Angel schnell rausgehauen, um frech und jung zu klingen. Der deutsche Zuschauer will aber Verlässlichkeit, gerade in Zeiten des Schuldenschnitts und der Eurokrise. Wer bei uns reinschaut, wird sehen: Die Welt ist noch in Ordnung. Nicht unbedingt die Welt des Zuschauers, aber auf jeden Fall die Welt der Late Night in Sat.1.

Berliner Morgenpost: Also alles wie immer bei Dirty Harry?

Harald Schmidt: Absolut. Die Band links, mein Auftritt in der Mitte, "Hallo, guten Abend", der Schreibtisch, alles wie gehabt. Und viele Gäste im kurzen Rock - auch die Frauen.

Berliner Morgenpost: Apropos: Werden Sie denn wieder mit mehr Lust an die Sache herangehen? Bei der ARD hatte man öfter den Eindruck, Sie sind gelangweilt bei dem, was Sie da machen.

Harald Schmidt: Au, da täuscht der Eindruck aber. Ich war immer extrem lustvoll bei der Arbeit, aber wie das halt in der Gipfelregion 5 ist: Manchmal kommen Lawinen oder ein Steinschlag und dann muss man sich neu auf die Witterungsverhältnisse einstellen. An Spaß hat es mir nie gemangelt.

Berliner Morgenpost: Warum verlassen Sie die ARD dann überhaupt? Da konnten Sie eine ruhige Kugel schieben, bei Sat.1 dagegen müssen Sie im Jahr 70 Mal, mehr als doppelt so oft ran.

Harald Schmidt: Ich wurde von allen Seiten dazu gedrängt, wieder Late Night zu machen, um meinem Bildungsauftrag dem deutschen Volk gegenüber gerecht zu werden. Dem kann man sich natürlich nicht entziehen - ich möchte dem Land schließlich auch ein bisschen was zurückgeben.

Berliner Morgenpost: Hat man sich nicht ausreichend um Sie gekümmert bei der ARD?

Harald Schmidt: Doch. Aber die ARD hatte ja nicht mal zwei Sendeplätze am späten Abend pro Woche für mich zur Verfügung - und ich wollte die höhere Frequenz ja auch wieder haben. Damit war eine Zusammenarbeit schon rein technisch kein Thema mehr.

Berliner Morgenpost: Und dann kam es zur Trennung im gegenseitigen Einvernehmen, wie man so schön sagt?

Harald Schmidt: Es war wie bei einer langjährigen Ehe. Man fragt den Partner: Hast du gerade was gesagt?, und der antwortet: Nee, das war gestern. In solchen Momenten spürt man, dass es Zeit ist, auseinander zu gehn.

Berliner Morgenpost: Das klingt aber nicht besonders harmonisch.

Harald Schmidt: Man kann sich das von außen immer schlecht vorstellen, aber es ist letztlich nur eine Frage von Zyklen, die zu Ende gehen. Sie müssen sich das wie bei Picasso vorstellen, der eines Tages gesagt hat, meine blaue Periode ist zu Ende und jetzt male ich pink. So war das in meinem Fall auch.

Berliner Morgenpost: Wie viel zahlt Sat.1 mehr als die ARD?

Harald Schmidt: Das lässt sich gar nicht zueinander ins Verhältnis setzen, weil ich ja mehr Sendungen mache. Es ist rührend, dass manche Leute immer wieder glauben, mehr Geld wäre ein Grund für so einen Wechsel. Aber eigentlich geht es um eine langfristige Strategie, und das Geld ist dann etwas, was auch mal Thema wird, aber es ist in gar keinem Fall das Ausschlaggebende. In unserer Branche sowieso nicht.

Berliner Morgenpost: Ihr Ex-Mitstreiter Oliver Pocher ist bei Sat.1 gescheitert und hat bei RTL angeheuert. Bedauern Sie, dass er nicht mehr da ist?

Harald Schmidt: Nee, das ist für ihn ja auch ein Megadeal, was ich da so lese. Ich freue mich, dass wir ihn damals richtig eingeschätzt haben, dass er auf Jahrzehnte noch eines der großen Talente im deutschen Fernsehen sein wird. Er hat jetzt bei RTL offenbar ein für ihn maßgeschneidertes Format gefunden, da wünsche ich ihm natürlich viel Erfolg.

Berliner Morgenpost: Beim Thema Pocher werden Sie immer ein bisschen gallig, oder täuscht der Eindruck?

Harald Schmidt: Der Eindruck täuscht, von meiner Seite aus ist es nicht so. Natürlich wird viel falsch wiedergegeben und interpretiert.

Berliner Morgenpost: Sie machen seit vielen Jahren Late Night und treten künftig zweimal die Woche an. Wie motiviert man sich immer aufs Neue?

Harald Schmidt: Das ist eine Frage der Disziplin, wie bei einem Broadway-Darsteller. Das ist der Beruf, da geht man einfach zur Arbeit - im Prinzip auch nicht anders, als wenn andere ins Büro oder in die Fabrik latschen.

Berliner Morgenpost: Das Publikum bekommt aber nur die Kunstfigur Harald Schmidt zu sehen und nicht den Menschen hinter der Maske?

Harald Schmidt: Der Schauspieler Gert Voss sagte mal: Man hat für sich so eine Figur erfunden, die man überall hinschicken kann, und als diese Figur kommt man gut durch den Tag. Das beschreibt es ganz gut, finde ich.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie beschlossen, als Kunstfigur durch die Welt zu gehen und dadurch möglichst wenig von sich preiszugeben?

Harald Schmidt: Das kann man nicht beschließen, das entwickelt sich so. Spätestens seit meiner Zusammenarbeit mit dem Theaterautor René Pollesch weiß ich ja auch, dass authentisch ein Schimpfwort ist. Man darf die Leute nicht mit so was wie Authentizität belästigen - das will doch niemand.

Berliner Morgenpost: Wie viele Menschen gibt es denn, die den authentischen Harald Schmidt kennen?

Harald Schmidt: Keine Ahnung. Ich selber kenne ihn jedenfalls nicht.

Die Harald-Schmidt-Show Immer dienstags und mittwochs, 23.15 Uhr, Sat.1