"Winterreise" am Deutschen Theater

Es grünt so grün, wenn Jelineks Neurosen blühn

In voller Blüte leuchten die Lupinen, eingebettet in üppigen Farn, umgeben von einem Gräsermeer. Zum Saisonauftakt ist im Deutschen Theater der Sommer eingezogen. Das war so nicht zu erwarten, denn zur Spielzeiteröffnung stand "Winterreise" auf dem Programm.

Jener Text von Elfriede Jelinek, der im Juni mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und jüngst von Kritikern zum "Stück des Jahres" gekürt wurde. Und als ihr persönlichster gilt, weil er eine schonungslose Abrechnung ist, mit sich selbst, mit der strengen Mutter, dem dementen Vater und einem Leben voller Sehnen. Natascha Kampusch und Liebe aus dem Internet kommen auch noch vor.

Der Winter aber, der muss an diesem Abend erst herbeigeschafft werden. Von fünf wandernden Damen mit altmodischen Rucksäcken über bunten Sommerkleidern. Statt Klappstulle hat jede von ihnen im Butterbrottütchen ein bisschen Schnee dabei. Ausrichten können sie damit wenig, die paar Flocken reichen nicht, um den wuchernden Wildwuchs mit einem kühlen, glatten Mantel des Vergessens zu überdecken. Es grünt sehr grün, wenn Jelineks Neurosen blühn.

Für Andreas Kriegenburg ist es das erste Mal, das er einen Text der Nobelpreisträgerin inszeniert. Bislang hatte das am Deutschen Theater (und auch anderswo) meist Nicolas Stemann übernommen. Kriegenburg galt eher als Experte für Dea Loher, die wiederum Ende September am selben Ort von Michael Thalheimer auf die Bühne gebracht wird. Alles anders also, aber so sehr nun auch wieder nicht. Auch Lohers eher düsteren Texten konnte Kriegenburg schon zarte Melancholie abringen. Und ebenso startet er in diesen Abend: Die ersten Töne gehören Franz Schubert, an dessen gleichnamigen Liederzyklus Jelineks Text angelehnt ist. Ganz hinten auf der von Nikolaus Frinke entworfenen Wiesengrund-Bühne steht ein Flügel, auf dem Maria Schrader ein paar vorsichtige Töne anstimmt, bevor Bariton Michael Volle vom Band erstmals übernimmt und später immer wieder. Wo im Text die Anspielungen auf die musikalische Vorlage oft nur zu erahnen sind, stellt Kriegenburg, die Mehrwertmöglichkeiten des Theaters nutzend, geschickt konkrete Zusammenhänge her.

Ansonsten bleibt er sehr dem Text verhaftet, was aber in der ersten Hälfte des Abends gut funktioniert. Das liegt an dem ausgewogenen Darstellerinnenquintett, wohlgemerkt in der ersten Hälfte. Dort sind sie groß, die fünf Damen. Wie etwa Anita Vulesica verbal dem Gewesenen hinterher rennt oder Susanne Wolff mit den "Zerzaustheiten im Herzen" kämpft, das ist fein nuancierte Schauspielkunst auf hohem Niveau, die die Schärfe, aber auch Witz und Ironie der Jelinekschen Sprache präzise herausschält. Natürlich steht die Aufteilung der textteppichartigen Vorlage auf fünf Protagonistinnen auch für die Facetten der Autorin selbst. Wobei dafür vermutlich selbst 50 nicht wirklich ausgereicht hätten. Wer also gerade nichts zu sagen hat, durchstreift im kniehohen Gras das Gestrüpp der Erinnerungen, denn diese Wanderung ist vor allem eine innere. Immer wieder Bilder von Verletzung, von Gefesseltsein. Da wird Maria Schrader ans Klavier gebunden (als Zeichen des musikalischen Drills von Mutter Jelinek), da sitzt Judith Hofmann, von einer Batterie offener Scheren festgenagelt, auf einer Bank, immer wieder hantiert jemand mit Messern. Es ist dies alles vor allem eine Bebilderung der ziemlich versponnen Jelinek-Welt, aber als Gesamttableau durchaus poetisch, intim und ja, auch unterhaltsam.

In der zweiten Hälfte der insgesamt dreistündigen Inszenierung aber verwelkt das ganze schöne blumige Arrangement, als hätte jemand zu üppig gegossen. Maria Schrader schlurft als dementer Vater Jelinek tattergreisig durch die Gräser und übertreibt mit ihrem gleichsam zur Schau gestellten Spiel so maßlos, dass die an sich tragische Vaterszene schon nach wenigen Minuten hoffnungslos im Grotesken absäuft. Der Wechsel vom assoziativen Gruppenspiel zum szenischen Soloauftritt ist ein allzu scharfer Bruch, mit fast einer Stunde ist die zähe Szene ferner definitiv zu lang. Auch wenn die Inszenierung ganz am Schluss noch mal zu ihrem Anfangsformat findet, fehlt dem Abend trotz einem augenweidlichen Bühnenbild und der Ensembleleistung im ersten Teil doch die konsequente innere Form, als habe sich Kriegenburg nicht recht entscheiden können. Ganz am Ende sagt Annette Paulmann in Stellvertretung der Jelinek noch diesen Satz: "Ich schwanke in mir selber hin und her." Bei einer Autorin kann daraus ein großartiger Text entstehen, bei einem Regisseur jedoch nur schwer eine überragende Inszenierung.

Deutsches Theater , Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 441 225. Termine: 18. September; 1. und 3. Oktober.