Roman

Inkorrekt, böse, furchterregend

Unser Buch des Herbstes sieht aus, als habe es schon drei Jahrzehnte im Regal einer Buchhandlung im Osten - sagen wir: in Greifswald - verbracht. Griesgrau ist es. Es kratzt ein bisschen in der Hand. Ostdeutsches Bildungsgut, haptisch. Man könnte beim Anblick von Judith Schalanskys Bildungsroman "Der Hals der Giraffe" hemmungslos nostalgisch werden. So herzlich harmlos das Buch aber nach außen tut, es ist mindestens so schön wie hinterlistig, ist Biologie- und Bilderbuch, Ostprovinz- und Weltroman.

In der Verschmelzung von Hinterlist und Schönheit, oberflächlicher Verspieltheit und tiefgründiger Erzählkunst hat es die 1980 in Greifswald geborene, in Berlin lebende und in Potsdam Typografische Grundlagen lehrende Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky vor zwei Jahren zur deutschen Meisterschaft gebracht. Da erschien (nach einem Roman und der Typografie-Bibel "Fraktur mon amour") ihr "Atlas der abgelegenen Inseln". Ein höchst eigenwilliger Wechselbalg aus Wissenschaft, Buch- und Prosakunst - eine Anthologie von Bildern und Texten über 50 Inseln fernab der so genannten Zivilisation, auf denen Schalansky nie war und nie sein wird, deren Kargheit, Zauber man aber spürte, zu denen man sofort aufbrechen wollte vom Sofa aus. Ein mehrfach - unter anderem als schönstes Buch des Jahres - ausgezeichnetes Hexenbuch des Fernwehs.

Der Mensch ist ihr zuwider

"Der Hals der Giraffe" ist auch ein Buch über eine abgelegene Insel. Sie heißt Inge Lohmark und ist Biologielehrerin. Der Einfachheit halber stellen wir uns Inge Lohmark vor wie Angela Merkel. Ein bisschen huckig und geschlechtsneutral. Inge ist exakt genauso alt wie Angela, sie kommt aus Vorpommern, sie hat einen durch und durch, man könnte auch sagen gnadenlos naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt. Inge Lohmark allerdings hat im Gegensatz zur großen Physikerin Merkel Vorpommern nie verlassen. Seit gut dreißig Jahren steht sie vor Schülern. Sie versucht ihnen Biologie beizubringen und Sport. Frontal steht sie vor ihnen. Jede Anbiederung an die Schüler, die sie wie eine kalte und mehr als dezent menschenfeindliche Verhaltensforscherin analysiert, ist ihr Verbrechen.

"Setzen" ist das erste Wort des Romans. Ihre Sportstunde beginnt mit "Stillgestanden". Kreidelastig nennt man ihren Unterricht. Inge Lohmark ist die letzte ihrer Art. Damit immerhin ist sie nicht allein. Der ganze Landstrich entvölkert sich allmählich, Kinder gibt's keine mehr, jedenfalls keine, die es intellektuell selbst auf diese an intellektueller Auszehrung leidende Schwundstufe eines Gymnasiums schaffen könnten. Das Charles-Darwin-Gymnasium stirbt aus. Wenn die aktuelle und letzte neunte Klasse (zwölf Kinder, eins grässlicher als das andere) Abitur gemacht hat, wird es dichtgemacht. Die Volkshochschule übernimmt dann das Gebäude. Da könnte Inge Lohmark dann Botanisieren lehren oder Makramee nach Mondphasen oder so etwas sehr sinnvolles "für Todgeweihte".

Womit Inge Lohmark Rentner meint. Das ist nicht nett. Nett ist sie nie. Sie ist eine große Einsame, inkorrekt, böse, furchterregend in ihrer fehlsichtigen Klarsicht. Alles, außer der Natur, die keine Moral kennt und keine Gerechtigkeit, die keine Wahl lässt außer der Zuchtwahl, ist ihr eigentlich zuwider, am meisten der Mensch. Und ständig denkt sie - wir wissen das, weil wir mehr als zweihundert Seiten in ihrem Kopf gesessen haben und in einer Mischung aus Ekel und hingerissener Fasziniertheit teilhatten am Strom ihrer Gedanken -, und meistens denkt sie das Schlechteste.

Über ihre Schüler ("Dumpfes Duldungstier. Gewölbte Stirn und Kaninchenblick. Die Miene weinerlich vom Pausengehänsel. Schon jetzt überflüssig wie eine alte Jungfer. Opfer auf Lebenszeit"), über den Menschen ("flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis"), die Liebe im Allgemeinen ("scheinbar wasserdichtes Alibi für kranke Symbiosen") und die Mutterliebe im Besonderen ("ein Hormon"). Sie ist strikt gegen jegliche Verweichlichung, für die strenge Auslese der Besten (so es sie denn gibt). Sollen die Schwachen doch auf der Strecke bleiben. "Wer den hoffnungslosen Fällen weismachte, dazuzugehören, der brauchte sich nicht zu wundern, wenn sie irgendwann mit Rohrbomben und Kleinkalibergewehren in die Schule marschierten, um sich zu rächen für all das, was ihnen jahrelang versprochen und immer wieder vorenthalten wurde. Und dann mit Lichterketten ankommen."

Die Verbildetheit einer Frau

"Der Hals der Giraffe" ist eine hinreißende Suada. Und wie von jeder hinreißenden Suada bekommt man auch von Inge Lohmarks Tour de force & farce Kopfschmerzen - man nickt beifällig mit dem Kopf, man schüttelt ihn heftig. "Der Hals der Giraffe" ist ein unglaublich kompaktes Buch, so locker es geschrieben zu sein scheint. Und man darf zur Beruhigung Bilder gucken. Stichzeichnungen von Raupen, Quallen, Fruchtfliegen und der Steller'schen Seekuh.

Womit wir bei der Bildung wären. Denn "Der Hals der Giraffe" ist ein Bildungsroman, ein doppelter, dreifacher. Ein Roman über Bildung und Bildungssystem. Und der Roman der Bildung und Verbildetheit einer Frau, die sich zunehmend sich an den Grenzen ihres eigenen Weltbilds blutige Schrunden am Gehirn und an dem holt, was von ihrem Herzen übrig ist. Die - verheiratet ist (mit einem pommerschen Straußenfarmer) und Mutter (einer fortpflanzungsunwilligen Tochter, die weit weg in Amerika lebt) - irgendwann zugeben muss, dass die Welt, die Menschen nicht aufgehen in den kalten Formeln, in die Inge Lohmark sie gegossen hat, dass da Reste bleiben. Sie verliebt sich in eine Schülerin (und fragt sich dann auch gleich, ob es das gibt: weibliche Pädophilie), unternimmt das Aberwitzigste, um sich das alles wieder wegzudenken. Und verrennt sich derart in ihrer alles beobachtenden, nichts sehenden Selbstgerechtigkeit, dass es ziemlich einsam um sie wird.

Unser Buch des Herbstes, wir wiederholen uns da gern. Wenn "Der Hals der Giraffe" nicht wenigstens auf die Shortlist des Buchpreises kommt, rufen wir alle Bildungsausschüsse an, deren wir habhaft werden können.

"Setzen" ist das erste Wort des Romans. Ihre Sportstunde beginnt mit "Stillgestanden".

Judith Schalansky Der Hals der Giraffe, Suhrkamp, Berlin. 224 Seiten, 21,90 Euro ullstein