Bilderbuch

Ein neuer Blick auf eine bekannte Stadt

Berlin Bücher - ob mit Bildern, Texten oder kombiniert mit Fotografien und Geschichten - gibt es zuhauf. Wer also auffallen will, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Und wohl auch von außen kommen, um eine exzeptionelle Liebeserklärung an Berlin zu verfassen.

Zwei Westfalen aus Rheine haben das geschafft. Der eine, Hermann Willers, Jahrgang 1966, ist Fotograf, der andere, Werner Friedrichs, Jahrgang 1953, Autor. Und weil sie keine Besserwisser sind, haben sie sich auf der Suche nach dem ungewöhnlichen Bild und der dazu gehörenden Geschichte mit einem Berlin- Kenner von höchsten Graden verbündet. Prof. Ulrich Eckhardt, jahrzehntelanger Intendant der Berliner Festwochen, zeichnet als Förderer und Ideengeber.

Natürlich ist das Werk der Drei mit dem schlichten Titel "Berlin" vor allem ein opulentes Bilderbuch (Hermann Willers, Berlin, Texte Werner Friedrich, Coppenrath Verlag, 320 Seiten, 29,50 Euro). Ganz in Schwarz Weiß ist ein Blick auf die Stadt mit ihren aus Historie und Jetztzeit vertrauten Motiven entstanden. Aber immer aus ungewohnter und damit überraschender Perspektive, dazu mit verblüffenden Bildschnitten und einer nicht ermüdenden Spürnase für`s Detail. Der Große Kurfürst vor dem Charlottenburger Schloss nur als Schatten auf dem Kopfsteinpflaster des Ehrenhofs, Schinkels Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg wie die Turmspitze einer Kathedrale in den Berliner Himmel ragend, die York Brücken in ihrer morbiden Schönheit als Reminiszenz an Berlins Eiserne Zeit, der wiedererstandene Pariser Platz als zu entschlüsselndes Puzzle sich überlappender Motivfolgen. Zugleich ein geschärfter Blick für das Ungewöhnliche, das Bedrückende. Beispielhaft dafür Christian Boltanskis Installation "Das fehlende Haus" in der Großen Hamburger Straße. Aus dem wurden erst Juden vertrieben und in die Vernichtungslager geschickt, dann deren "arische" Nachmieter bei einem Bombentreffer getötet. Namensschilder an einer Brandmauer erinnern daran.

Bilder vom Auf und Ab dieser Stadt, ihrem Glanz und Elend, vom nie endenden Häutungsprozess. Die dabei festgehaltenen unverbrauchten Blicke und neuen Sichtweisen animieren, sich auf die Fährte des Fotografen zu begeben. Um Neues im Bekannten zu entdecken.

Werner Friedrichs schlägt mit seinen Texten die Brücke zu Hintergrund und Verständnis der Fotos. Er macht das Bilderbuch damit zugleich zu einem Lesebuch. So dürfte auch der in seiner Stadtgeschichte nicht ganz sattelfeste Alt- Berliner noch Überraschendes erfahren. Dass uns der Flughafen Tempelhof als Gebäude nur erhalten geblieben ist, weil mutige Männer den Befehl Hitlers verweigerten, den damals größten Gebäudekomplex der Welt vor dem Zugriff "des Feindes" zu sprengen. Oder dass aus der Neuen Wache, seit 1900 Hauptzentrale des Militärtelegrafen, am 1. August 1914 der Mobilmachungsbefehl an alle Truppenteile ausgegeben wurde, womit der 1. Weltkrieg seinen Schreckenslauf nahm.

Eher zufällig und nicht überzeugend dagegen das mit "Berliner Köpfe" überschriebene Kapitel am Ende des Bandes. Mit kurzen, sehr persönlichen Berlin- Hymnen kommen Marianne Birthler, Michael S. Cullen, Daniela Dahn und Wolfgang Thierse zu Wort. Bemerkenswert als Erinnerungsposten allein der Beitrag von Richard von Weizsäcker in Form von Auszügen aus seiner Dankesrede bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde.

Glänzend wiederum die Einleitung - ein wunderbares Essay von Ulrich Eckhardt, das bescheiden als "Vorwort" angekündet wird. "Berlin" schreibt er "ist süchtig nach Bildern von sich selbst und befragt sich unentwegt. Und das Fragen und der Zweifel halten an; auch als ungeliebte und unverhoffte Hauptstadt einer neuen Republik hat Berlin noch immer nicht zu sich gefunden. Der Rückgriff auf den Fundus der Vergangenheit reicht nicht aus, um die Gegenwart zu definieren. Sie gleicht einem unfertigen Kleid mit geschmacklosen Tupfen..."

Auch in diesem Sinne ein Buch nicht nur zum Gucken, auch zum Sinnieren. Und wieder sind es zwei Auswärtige, die in Bild und Schrift neue Neugier auf unsere Stadt wecken.