Essay

Warum es Staaten schwer haben, andere zu belügen

Wenn Lügen tatsächlich kurze Beine hätten, dann lebten auf der Welt nur Zwerge. In der Politik wird jedenfalls dauernd gelogen - so der allgemeine Eindruck. Aber wo sind sie, die Liliputaner?

Entspricht die verbreitete Ansicht der Wirklichkeit? John Mearsheimer sagt: nein! In einem so bündigen wie leichthändig geschriebenen Essay über die Lüge und den "Wert der Unwahrheit" beleuchtet der Chicagoer Politikwissenschaftler die bewusste Täuschung in der Politik - und zwar von der zwischenstaatlichen Lüge über die Angstmache bis hin zur Völkerrechtslüge.

Seine Hauptthese wird die meisten Leser überraschen: Zwischen den Staaten wird kaum gelogen. Mearsheimer rackert sich ab, Belege zu finden, die seiner These widersprechen. Vergeblich. Außer Stalins Versuch, Hitler die Schuld an den Verbrechen von Katyn in die Stiefel zu schieben, kann Mearsheimer keine weiteren großen Lügen nennen. Sein Schluss: "Staatsführungen sind offenbar eher geneigt, in außenpolitischen Fragen ihr eigenes Volk zu belügen als andere Länder." Der Grund dafür liegt nach Mearsheimer nicht so sehr in der Tugendhaftigkeit der Regierungen von Washington bis Warschau, von Peking bis Pretoria. Es sei vielmehr zu schwierig, andere Staaten hinters Licht zu führen. Jede Staatsführung halte sich an den Grundsatz "Vertraue, aber prüfe" und verfüge über vielerlei Mittel, die Aussagen anderer Staaten zu untersuchen.

Doch was heißt schon Lüge? Für Mearsheimer sind Lügen ausschließlich "aktive Handlungen zur vorsätzlichen Täuschung eines Zielpublikums". Als launiger Essay über die politischen Facetten von Lug und Trug lohnt sich John Mearsheimers Buch durchaus.

John J. Mearsheimer: Lüge. Vom Wert der Unwahrheit. Campus, Frankfurt/M., 146 Seiten, 14,99 Euro.