Preis der Nationalgalerie

Mit dem iPhone und 14 Soldaten bis ans Ende der Welt

Die Bilder katapultieren sich direkt hinein in unseren Kopf. Mit Wucht nimmt Cyprien Gaillards Collage "Artefacte" gefangen - dem Sog wechselnder Bilder in Kinogröße kann man sich nicht entziehen.

Sie stammen aus dem Irak, und man wundert sich, wie nahe der Franzose ran rückte an die Orte der Verwüstung und Zerstörung. Baustellen, Müll, Ruinen, tote Hunde, kaputte Skulpturen - und überall Soldaten im Einsatz. Diese Aufnahmen werden gebrochen durch Bilder beeindruckend weitläufiger Kultstätten in der Wüste. 14 Soldaten begleiteten Gaillard auf seiner Reise auf der Suche nach Babylon, der mythischen Stadt, die als älteste Metropole der Menschheit gilt. Die permanente Ausnahmesituation spiegelt sich im Tempo des Filmes und man fragt sich, warum man Bilder dieser Art eigentlich so selten sieht. Verblüffend ist auch, wie qualitativ hochwertig diese mit dem iPhone aufgenommenen Fotos sind, die auf Kinoformat umkopiert wurden.

Ungewöhnlich starker Jahrgang

Der Franzose Cyprien Gaillard ist einer der vier nominierten Künstlern des mit 50 000 Euro dotierten Preises der Nationalgalerie. Neben Gaillard gehören noch die Schwedin Klara Liden, der Georgier Andro Wekua und die Heidelbergerin Kitty Kraus in den Kreis der Auserwählten. Alle vier arbeiten in der Stadt. Das Rennen, das am 28. September entschieden sein wird, ist eng, so einen durchweg starken Jahrgang gab es noch nie bei der Nominierungsausstellung.

In der Verkaufsschau ABC geht es dieser Tage um die Möglichkeiten des Malerischen. Ein Bild allerdings wird man in der Ausstellung im Hamburger Bahnhofvergebens suchen: das Medium Nr. 1 heißt hier Film und Video. So verschieden die Werke der Künstler auch sind, gemeinsame Schnittmenge bleibt der konzeptionelle Ansatz, auffallend die gesellschaftspolitische Ausrichtung aller Arbeiten.

Wenn es bei Gaillard um den Zerfall der großen Welt geht, fängt Klara Liden klein an, bei sich selbst, in dem sie nach der Rolle des Künstlers fragt. Die Antwort fällt trostlos aus. In ihrem anderthalbminütigen Video sitzt die Künstlerin an einem fast leeren Schreibtisch in einem leeren Atelier. "Helpless" jammert Neil Young aus den Lautsprechern. Das macht die Künstlerin wohl so verzweifelt, dass sie sich vor den Augen des Betrachters in eine Mülltonne hineinquetscht. Das ist grotesk wie bei Samuel Beckett und todtraurig wie bei Buster Keaton. Nicht weniger geisterhaft geht es bei Andro Wekuas zu. Sein Film "Never Sleep With A Strawberry In Your Mouth" ist ein extrem artifizieller Horroralptraum. Dreh- und Angelpunkt ist ein labyrinthisches Haus, bevölkert von Puppen, Masken und Robotern. Dagegen ist Kitty Kraus richtig handfest. Sie hat die Griffstangen von handelsüblichen Einkaufswagen (Lidl) mittels eines Motors in wütende Schlagstöcke verwandelt. Eine Art Jean Tinguely in brutal.

Hamburger Bahnhof , Invalidenstr. 50-51. Bis 8. Januar.