Kino

Papstbier für alle

Das deutsche Kino führt in diesem Jahr in Venedig ein Cannes-Dasein. In den letzten Jahren waren hier Tom Tykwer und Fatih Akin vertreten, doch es brauchte dieses Mal eine ganze Woche, um einen rein deutschen Film zu sehen: "Der König von Kalifornien". Von Luis Trenker.

Der Film hat 1936, auf dem 5. Filmfestival von Venedig, die Coppa Mussolini gewonnen.

Die einzigen deutschen Beiträge sind hier in den Nebensektionen zu sehen. Romuald Karmakar zeigt "Die Herde des Herrn" in den Orrizonti. Eine Doku über den deutschen Papst. Das scheint wie gemacht für den Deutschland-Besuch von Benedikt XVI. Und der Papst auf dem roten Teppich - das wäre doch noch was. Vor zwei Jahren konnte Festivalchef Marco Müller immerhin Regierungschef Hugo Chávez als "Filmstar" begrüßen. Doch der Papst hat natürlich anderes zu tun. Und um ihn geht es auch nur indirekt. Karmakar ist 2005 nach Rom zur Papstwahl gereist, und danach nach Marktl am Inn, dem Geburtsort Ratzingers. Dabei ließ der Regisseur einfach die Kamera laufen. Das führt zu herrlichen Preziosen, wenn Konditoren ihre Papsttorte und Kneipenwirte ihr Papstbier feilbieten. Eine wahre Vermarktelung der Person. Es ermüdet indes, wenn man minutenlang in einem Pilgerzug mitläuft. Und wie immer man zu dem Produkt stehen mag, ob man eine dramaturgische Struktur vermisst oder die Rohheit der Form bewundert: Einen Makel wird "Die Herde" nicht los. Die Bilder sind nun mal sechs Jahre alt.

Der einzige neue deutsche Spielfilm läuft in der Reihe Settimana della Critica, die Debütwerken vorbehalten ist. Jessica Krummacher hat ihren Erstling "Totem" über ihre eigene Firma finanziert und darf nun Weltpremiere feiern. "Totem" exorziert die deutsche Spießigkeit. In einer typisch deutschen Familie in einem typisch deutschen Einfamilienhaus wird eine Haushaltskraft angestellt. Man erniedrigt sie, schlägt sie, macht ihr Avancen. Und die junge Frau erträgt das alles stoisch. Der Film tut weh und will das auch. Das Unvermögen der Kommunikation, das Aneinandervorbeileben wird quasidokumentarisch inszeniert, als habe jemand nur eine Kamera aufgestellt und draufgehalten. Über eine kommerzielle Auswertung macht sich die junge Regisseurin indes wenig Illusionen, wie sie auf dem German-Films-Empfang offen zugibt.

Deutsche Stimmen freilich sind auch im Wettbewerb zu vernehmen. Alexander Sokurov nämlich hat "Faust" inszeniert, eine rein russische Produktion, aber mit vielen deutschen Darstellern und ganz in der Sprache des Klassikers. Sokurov hat zuvor Filme über Hitler ("Moloch"), Lenin ("Stier") und Kaiser Hirohito ("Sonne") entwickelt. Seinen "Faust" sieht er als Abschluss einer Tetralogie, auch wenn die Bühnenfigur in den Club realer Tyrannen nicht recht passen will. Der Film ist laut Vorspann "frei nach Goethe", einige Verse werden auch wörtlich zitiert. Der Film aber ist doch eher als großer Jazz zu verstehen. Goethe gibt nur die Melodie vor und Sokurov komponiert ganz eigene Variationen. Sein Mephisto ist kein Teufel, sondern ein Pfandleiher (Anton Adasinky), er hat sogar eine Frau, die von einer somnambulen Hanna Schygulla verkörpert wird. Wie immer ignoriert Sokurov dabei filmische Konventionen und man muss nicht alles verstehen in diesem meditativ-assoziativen Bilderrausch, aber dem filmischen Sog kann man sich nur schwer entziehen. Unter den Kritikern werden ihm denn auch große Preischancen zugestanden, und über den Faust- Darsteller Johannes Zeiler ist damit doch auch ein deutscher Kandidat im Rennen.

Noch ein deutsches Gesicht sieht man in einem spanischen Science-fiction-Film: Daniel Brühl, in Barcelona geboren und zweisprachig aufgewachsen, soll in "Eva" als Experte bei künstlicher Intelligenz einen Prototyp für Kinderroboter entwickeln. Als Dummy dient ihm seine Nichte Eva, bis er am Ende erkennt, dass sie bereits ein Roboter ist. Brühl als Faust der nahen Zukunft, der seinen eigenen Homunculus erschafft. "Eva" ist die spanische Antwort auf gleich zwei Spielberg-Filme, "A.I." und "Minority Report". Und die Roboter sind hier so programmiert, dass sie ihren emotionalen Level jederzeit von Stufe 6 auf Stufe 8 erhöhen können. Das, merkt ein ausländischer Kollege an, wäre doch eine sinnvolle Software für den so schwermütigen deutschen Film.