Eröffnung

Die Schätze der verlorenen Sammlung

Es ist jedes Jahr dasselbe, wenn man das große Faltblatt zu den Jüdischen Kulturtagen Berlin vor sich ausbreitet: Man weiß nicht so recht wohin, das Programm ist so unüberschaubar, so vielfältig wie das Judentum selbst, da wird getanzt, gelesen, gebetet, gefeiert und beiläufig gemahnt, die Themen und Künstler führen quer durch die Welt.

Und in den zehn Tagen will jede Veranstaltung sein kleines Ereignis sein. Und dennoch gibt es diesmal zur Eröffnung eine Überraschung, mit der die Macher selbst nicht gerechnet haben. Es handelt sich dabei um ein Gemälde des Berliner Großmalers Max Liebermann.

Das Motiv, ein wartender alter Mann mit Kippa, wird im ersten Moment viele Liebermann-Kenner verwundern. Der Maler, Kopf der Berliner Secession und späterer Präsident der Akademie der Künste, pflegte das Image des weltläufigen liberalen Großbürgers. Erst in den Zwanziger Jahren wandte er sich wieder dem Glauben zu, allerdings nur im Privaten. Das Gemälde "Die Heimkehr des Tobias" entstand 1934, ein Jahr vor seinem Tode. Ein Zeichen der Resignation angesichts der gescheiterten Assimilation? Die uralte Geschichte des Tobias, der heimkehrt, um seinen blinden Vater zu heilen, ist schon eine bemerkenswerte Metapher. Es ist Max Liebermanns letztes Werk.

Rückgabe an die Erben

Dieser Tage also wurde das Gemälde an Liebermanns Urenkelinnen, die in Amerika leben, zurückgegeben. Das wurde erst möglich durch die Berliner Recherchen. Die neuen Eigentümerinnen haben das Gemälde als Leihgabe der Ausstellung "Auf der Suche nach einer verlorenen Sammlung" überlassen. Bis zum 30. Dezember ist der Liebermann mit anderen 40 Objekten im Centrum Judaicum zu sehen. Es ist eine liebevoll zusammengestellte Ausstellung geworden. Und es ist zu erahnen, wie viel Recherche dem Projekt vorausging. Hermann Simon, der Leiter des Centrums, ist seit Jahrzehnten damit beschäftigt. Im Vorbeigehen zeigt er auf ein kleines Porträt des großen Rabbiners Akiba Eger an der Wand - seines Urururgroßvaters. Im Mittelpunkt stehen aber Werke von Liebermann, Lesser Ury und Moritz Oppenheim. Die Leihgaben stammen aus Tel Aviv, Jerusalem, Warschau und Los Angeles.

Liebermann hat, typisch Berliner, nie ein Blatt vor den Mund genommen. Gern wird er zitiert mit dem Satz "Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte". Das sagte er, als am 30. Januar 1933 vor seinem Haus am Pariser Platz der Fackelzug der neuen Machthaber vorbeizog. Es ist schon eine merkwürdige Zeitüberschneidung: Am 24. Januar 1933 und damit nur knapp eine Woche vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Berlins erstes Jüdisches Museum in der Oranienburger Straße 31, direkt neben der Neuen Synagoge, eröffnet. Es war das weltweit erste jüdische Museum, das nicht nur Kunstwerke und religiöse Gebrauchsgegenstände sammelte, sondern sich auch bewusst der jüdischen Kunst der Moderne zuwandte. Dieser Sammlung ist die Ausstellung gewidmet, viele der Werke sind nach 70 Jahren erstmals wieder in Berlin zu sehen. Fast die Hälfte davon sind Familienporträts.

Nun neigen wir dazu, historische Ereignisse mit unserem heutigen Wissenstand, der gleichsam den Fortgang und alle Folgen mit einbezieht, erklären zu wollen. Die Gründung dieser Sammlung ist aber nicht so leicht zu verstehen. Projektleiterin Chana Schütz spricht zögerlich von einer Marotte des besonders aufgeklärten Berliner Judentums. Denn eigentlich wollten die Künstler sich nicht auf jüdische Kunst und Motive beschränkt wissen.

Aber ganz beiläufig macht die aktuelle Ausstellung genau auf diese widersprüchliche Problematik aufmerksam. Aufgrund des Bilderverbots im Judentum wandten sich Künstler erst spät, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, der Malerei zu. In der Schau finden sich gleich zwei Gemälde von Moritz Oppenheim, der als erster eine akademische Ausbildung erhielt und zum Auftragsmaler des emanzipierten jüdischen Bürgertums wurde.

Gewaltsam geschlossen

Zu sehen sind jetzt sein Porträt von Ludwig Börne aus dem Jahr 1827. Börne stritt als Journalist für die Freiheit. Die Freiheit des Bürgertums sei gleichsam auch die Freiheit für jüdische Künstler gewesen, umschreibt es Chana Schütz. Gleich gegenüber hängt sein "Sabbatnachmittag" von 1866, das augenscheinlich macht, wie das jüdische Bürgertum mittlerweile um seine Tradition ringt. Die beiden Oppenheims sind übrigens die wertvollsten Gemälde der Ausstellung und am höchsten versichert. Ein Prunkstück ist auch Lesser Urys "Potsdamer Platz bei Nacht" von 1928, das einem vertraut vorkommt.

Zurück zur Geschichte: Am 10. November 1938 wird das Museum gewaltsam geschlossen und insgesamt 10 000 Objekte beschlagnahmt. Nach dem Krieg tauchen rund 290 Gemälde in Berlin wieder auf. Ein Großteil der jetzt gezeigten Ausstellungsstücke gehört zum Israel Museum in Jerusalem. Verschollene Gemälde werden im Centrum Judaicum durch Schwarzweiß-Kopien ersetzt. "Wir werden weiter suchen", sagt Hermann Simon.