Kunst

Christo will in den Reichstag

Auch nach dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude vor zwei Jahren kehrt Christo regelmäßig zurück in jene Stadt, in der das New Yorker Künstler-Tandem 1995 den Reichstag mit einer dicken Silberhülle überzog. Die Verhüllungsaktion war in der Vorbereitung hoch umstritten, wurde am Ende von (fast) allen geliebt.

Sie war das bestbesuchte Kunst-Event, das Berlin je hatte, fünf Millionen Besucher pilgerten zum glitzernden Silberriesen. Nun kehrt der 76-Jährige zu diesen Wurzeln zurück - Christo hat eine Mission. Er möchte die gesamte Dokumentation "Verhüllter Reichstag" nach Berlin verkaufen.

Gründung einer Stiftung

400 Objekte umfasst das "Making of", letztlich alles, was zur Realisierung des temporären Kunstwerkes "Wrapped Reichstag" gehörte. 66 Originalzeichnungen und Collagen, ein raumfüllendes großes maßstabsgetreues Modell, 225 historische Fotografien, Originaldokumente, Verträge und Urkunden. "Und natürlich auch Originalteile verwendeter Materialien wie das silberne Verhüllungsgewebe", erzählt Christo. "Stahlrahmen, Gerüstelemente und ein Bündel Seil, das die Verhüllung zusammenhielt. Hier kann man noch einmal genau sehen, wie das alles funktionierte, auch Dinge die von außen nicht sichtbar waren." Diese Sammlung von Objekten fügt sich wie eine Ausstellung zusammen.

Die Berliner werden sich vielleicht erinnern, vor genau zehn Jahren wurde die Schau im Martin-Gropius-Bau auf einer ganzen Etage gezeigt. Seitdem lagern die Exponate in einem Depot in Basel, wo auch andere Dokumentationen des Künstlerpaares untergebracht sind.

"Ich werde auch nicht jünger", sagt Christo, "und diese Dokumentationsausstellung gehört dorthin, wo sie ihre Heimat hat - in den Reichstag nach Berlin!" Vom Verkauf hat er klare Vorstellungen: Zehn Millionen Euro soll das Konvolut kosten. Steuerfrei, versteht sich, wie damals der Reichstag und generell alle Christo-Projekte. Das außergewöhnliche Geschäftsmodell der beiden New Yorker bestand immer darin, ihre Kunst einzig aus dem Verkauf von Originalen zu finanzieren, weshalb auch eine Dokumentation wie die des Reichstags monopolisiert ist. In diesem Fall soll es eine Stiftung geben, die heute Abend gegründet wird. Stiftungschef ist Roland Specker, ehemaliger Berliner Bauunternehmer und damaliger Geschäftsführer des Reichstagsprojektes.

Der Mann muss Optimist sein - ein Jahr hat er sich gegeben, um die zehn Millionen zusammenzubringen. Offenbar aber hat er schon vielversprechende Signale in der Stadt erhalten. Schließlich lebt auch Mäzen, Kunstsammler und Christo-Freund Dieter Rosenkranz in der Stadt. Wer ihn kennt, weiß, dass er stets zu haben ist für Kunstdinge, die eng an die Stadt gebunden sind. Er war es auch, der die temporäre Kunsthallen-Box am Schlossplatz in Millionenhöhe finanzierte.

Vertraglich soll das Reichstag-Ausstellung auf festen Füßen stehen: Geplant ist, so Roland Specker, die Ausstellung aus Stiftungsvermögen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu übergeben. Nur in einer nationalen Kultureinrichtung sei es gewährleistet, dass die Kunstwerke entsprechend versichert, gepflegt, archiviert und ausgeliehen werden. Idealort für eine permanente Ausstellung sei natürlich der Reichstag. Vorstellbar sei aber auch, so Christo, dass Einzelsegmente an andere Museen ausgeliehen würden oder eine Wanderausstellung durch Deutschland organisiert werde. "Aber die Ausstellungspolitik ist dann natürlich alleine die Aufgabe der Preußenstiftung." Sollte es zu einem Vertag kommen, so liegt Christo eine Klausel besonders am Herzen. "Die Dokumentation darf nicht auseinandergerissen werden, sondern muss zusammenbleiben. Einzelteile dürfen nicht verkauft werden." Zeichnungen und Collagen gehören zu den beliebtesten Sammlerobjekten.

Am Geld, das betont er immer wieder, hänge er nicht, nur insofern, dass er es braucht für die Realisierung des nächsten Projektes "Over the River". "Gucken Sie mich an", er zeigt auf seine schlichten Jeans und seine unprätentiöse Parka-Jacke, "ich brauche es nicht für mich. Ich lebe seit Jahrzehnten immer in der gleichen Wohnung in Downtown." Das Christo-Imperium ist freilich eine gut geölte Marketingmaschine, dennoch scheint Christos Leidenschaft für seine Kunst ungebrochen. Es ist erstaunlich, an welche Details, welche Termine er sich im Zusammenhang mit dem Reichstag erinnert. Über fünfzig Mal sei er damals von New York allein nach Bonn geflogen, seit er die Idee 1971 im Kopf hatte. Zur Erinnerung: 24 Jahre haben Christo und Jeanne-Claude an der Realisierung gearbeitet, von 1971 bis zum Sommer 1995. Sechs Bundestagspräsidenten versuchten sie, von ihrer Verhüllung zu überzeugen. Vergebens. Erst Rita Süßmuth hatte endlich ein offenes Ohr für sie.

Unvergesslich, nicht wiederholbar

Vielleicht ist der "Wrapped Reichstag" Christos am stärksten politisch ausgerichtetes Projekt. Selbst 1958 aus Ungarn geflohen ist der Reichstag für ihn Symbol der Einheit und des Friedens. "Christos verhüllter Reichstag - Symbol für das neue Deutschland" titelte im Sommer 1995 die "New York Times".

"Es ist unvergesslich, nicht zu wiederholen. 24 Jahre haben wir daran gearbeitet. Alle kamen, egal ob Ossi oder Wessi, auf dem Platz vor dem Reichstag zusammen. Zu jeder Tag- und Nachtzeit waren da immer wenigstens 20 000 Leute", erinnert Christo sich. Stundenlang könnte er darüber reden, wie ihm die Nerven blank lagen bei allen Phasen des Aufbaus. "Kunstwerke sind eben wie Kinder", sagt Christo. Und wenn eines nach Hause heimkehrt, sei auch er als Künstler glücklich.