Filmfestival

Weltuntergänge sind derzeit der letzte Schrei

Ein kurzer Schreckmoment am Lido. Im Sala Darsena, auf dem Filmfestival von Venedig das zweitwichtigste Kino, verbreitet sich plötzlich beißender Gestank, ein Teil des Publikums verlässt fluchtartig den Saal.

Es läuft "Ren Shan Ren Hai", ein chinesischer Film, der sein Herkunftsland von seinen hässlichsten Seiten zeigt. Der die Suche nach einem Mörder als eine Reise durch die unprivilegierten Schichten der Gesellschaft unternimmt und Armut, Arbeitslosigkeit, Gewaltbereitschaft und Verbrechen drastisch und quasi-dokumentarisch vorführt. Cai Shanjuns Wettbewerbsbeitrag ist am Lido vorab nur als "Film sorpresa" angekündigt worden, als Überraschungsei, und nicht selten programmiert Festivalchef Marco Müller auf diese Art Filme, die aus China an der Zensur vorbei ins Ausland geschmuggelt werden. Am Ende entpuppt sich der Zwischenfall als schnöder Kabelbrand. "Ren Shan" kann nach einer halben Stunde fortgesetzt werden.

Am selben Abend geht die Welt dann doch noch unter. Aber nur auf der Leinwand. In Abel Ferraras "4:44 Last Day on Earth". Weltuntergänge sind derzeit en vogue im Kino, man denke nur an Lars von Triers Cannes-Hit "Melancholia", der demnächst bei uns in den Kinos kommt, oder an Steven Soderberghs Virenthriller "Contagion", der gerade am Lido lief. Ferrara liefert, ähnlich wie von Trier, einen ganz intimen Endzeitfilm. Punkt 4.44 Uhr geht die Welt unter, wie und warum, wird nicht erklärt, aber dass es geschieht, ist unausweichlich.

Man kann darin eine Aufarbeitung des 11. September sehen. Ein Paar in New York erlebt diesen letzten Tag allein in seiner Wohnung, sie lieben sich, sie streiten sich, und dazu laufen, gleichzeitig und kakophonisch, die Horrormeldungen über Fernseher, Internet und Telefon. Willem Dafoe spielt deutlich das Alter Ego Ferraras, Shanyn Leigh ist ihm darstellerisch nicht ebenbürtig, aber Ferraras Lebensgefährtin. Konsequent, ja klaustrophobisch verengt das Enfant Terrible des amerikanischen Indie-Kinos in "4.44" den Blick auf diesen einen Loft. Und stellt die ganz großen Fragen in den ganz begrenzten Raum. Wer am Ende den Big Bang erwartet, wird, wie bei von Trier, enttäuscht. Das große Drama, das von Triers "Melancholia" bietet, bleibt indes ebenfalls aus.

Und dann noch eine Katastrophe: in dem japanischen Beitrag "Himizu". Regisseur Sono Sion hatte das Drehbuch zu seiner Manga-Verfilmung gerade fertig gestellt, als im März die Katastrophe von Fukushima geschah. Spontan hat er beschlossen, diese Bilder in seinen Film zu integrieren. Minoru Furuyas finstere Manga-Vorlage erzählt von orientierungslosen Jugendlichen, von kaltherzigen Eltern, von einer brutalen, egoistischen Gesellschaft. Soll die Katastrophe von Fukushima tatsächlich eine Metapher auf das moderne Japan sein? Oder die Ruinenlandschaften gar eine quasi-religiöse Strafe darstellen? Regisseur Sono spielt mit derlei Konnotationen. Er will baldmöglichst noch zwei weitere Filme über den 11. März drehen. Die Art, wie er die Katastrophe instrumentalisiert, ja ausschlachtet, ist indes schlichtweg infam. Die Katastrophenfilme am Lido bieten keine aufwühlenden Allegorien, sie erweisen sich nur selbst als kleine filmische Katastrophen.