Interview

"Warum nicht mal einen Film mit zwei Happy Ends?"

Aki Kaurismäki sitzt im Garten eines kleinen Hotels in Mitte, vor ihm auf dem Tisch eine Flasche Weißwein im Eiskühler und eine Schachtel Zigaretten. Der finnische Filmemacher ist kein Freund großer Reden, er nuschelt und brummelt mehr als dass er spricht. Fast wirkt er selbst wie eine der lakonischen Figuren aus seiner Tragikomödie "Le Havre", die heute im Kino anläuft. Thomas Abeltshauser sprach mit dem preisgekrönten Regisseur.

Berliner Morgenpost: Ihr Film spielt in der gleichnamigen französischen Hafenstadt. Warum gerade Le Havre?

Aki Kaurismäki: Ich hatte so viele Filme über Finnland gedreht, dass ich nichts mehr zu erzählen hatte. Also musste ich woanders hin. Das hätte genauso Deutschland oder Belgien sein können. Aber ich musste raus. Und warum dann nicht Frankreich? Es ist das Geburtsland des Films. Das Kino wurde 1895 dort erfunden.

Berliner Morgenpost: Obwohl Ihr Film nicht in Finnland spielt, sieht man sofort, dass es ein Kaurismäki-Film ist. Anders als etwa Woody Allen, der in Barcelona oder Paris dreht und mit touristischem Auge all die altbekannten Klischees abfilmt, sieht Le Havre wie ein Kaurismäki-Universum aus.

Aki Kaurismäki: Ich hoffe, es sieht aus wie Le Havre.

Berliner Morgenpost: Was war zuerst da: Die Geschichte über einen alten Schuhputzer, der einem afrikanischen Flüchtlingsjungen hilft, oder der Wunsch, in Le Havre zu drehen?

Aki Kaurismäki: Das Thema hat mich interessiert: Warum Europa als alte Kolonialmacht nicht bereit ist, sich mit den Folgen dieses Kolonialismus auseinanderzusetzen und den Preis dafür zu bezahlen. Das beunruhigt mich und deshalb habe ich den Film gemacht. Das hätte natürlich auch woanders spielen können, in Spanien oder generell im Mittelmeerraum. Nur nicht in Finnland, weil niemand so verzweifelt ist, dorthin zu flüchten.

Berliner Morgenpost: War die Suche nach der passenden Stadt der Grund, warum fünf Jahre seit Ihrem letzten Film vergangen sind?

Aki Kaurismäki: Nein. Ich werde einfach faul.

Berliner Morgenpost: Marcel Marx, der Schuhputzer...

Aki Kaurismäki: ...war früher ein schlechter Schriftsteller, der vom Schreiben nicht leben konnte. Jetzt kniet er vor den Menschen und putzt ihre Schuhe. Ich habe das nie analysiert, ich wollte nur die Figur, die ich vor 20 Jahren in "Das Leben der Bohème" hatte. Dieser Verlierertyp.

Berliner Morgenpost: Ging es Ihnen dabei um die Filmfigur oder um den Schauspieler André Wilms?

Aki Kaurismäki: Natürlich wollte ich wieder mit ihm arbeiten, weil er einfach der beste ist. Dass es dieselbe Figur ist, ist ein privater Witz. Diese Anspielungen interessieren sonst eh niemanden. Aber für mich war es halt wichtig, diese Figur zu kennen, ihre Vergangenheit.

Berliner Morgenpost: Ist Marx, der Wein trinkende Melancholiker, eine Art Alter Ego von Ihnen?

Aki Kaurismäki: In jeder Hauptfigur meiner Filme steckt etwas von mir. Wenn ich schreibe, schreibe ich immer mehr oder weniger über mich selbst. Alles andere wäre eine Lüge. Aber ich analysiere das nicht. Wenn der Film fertig ist, ist er Geschichte, weg. Er mag dies oder das für mich bedeuten, aber es ist zu spät darüber nachzudenken.

Berliner Morgenpost: Sie haben einmal gesagt, je pessimistischer Sie selbst sind, desto optimistischer geraten Ihre Filme. In "Le Havre" gibt es nicht nur ein Happy End, sondern gleich zwei. Müssen wir uns Sorgen machen?

Aki Kaurismäki: Das ist eine schwierige Frage.

Berliner Morgenpost: Sind Sie ein spiritueller Mensch?

Aki Kaurismäki: Nicht auf dieselbe Art wie John Travolta. Ich bin einfach eines Morgens aufgewacht und dachte mir, es gibt so viele Filme mit Happy End, warum nicht mal zwei? Zwei ist mehr als eins. Und auf jeden Fall mehr als gar keins.

Berliner Morgenpost: Wo sehen Sie jetzt Ihre eigene Zukunft?

Aki Kaurismäki: Auf dem Friedhof, wie jeder von uns. Ich glaube nicht an die Zukunft. Ich sehe keinen Sinn in meiner Existenz. Ich bin einfach noch ein bisschen da.

Berliner Morgenpost: Wie raffen Sie sich dann auf, Filme zu drehen?

Aki Kaurismäki: Wegen des Publikums. Es ist der einzige Grund, Filme zu machen. Das Gefühl, dass ich sie zum Lachen oder zum Weinen bringen kann.