Galeristenmesse

Auf den fettigen Spuren von Joseph Beuys

Die ABC in Pool Position. Selten gab es ein Kunstereignis, das schon im Vorfeld so unter Druck stand wie jetzt die Art Berlin Contemporary, kurz ABC. Nach dem Tod des Art Forums und dem Ringkampf um die Macht auf dem Berliner Kunstmarkt liegt es jetzt an diesem Zusammenschluss Berliner Galeristen den Kunstherbst zu stemmen.

Ist das Format gut genug? Füllt das ABC die Lücke des Art Forums? Schließlich machten nicht wenige die ABC für das Scheitern der Messe mitverantwortlich. Doch wenn man dieser Tage rumfragt, hört man fast nur Zuversichtliches aus der Galerienszene. Keine Frage, die Berliner Galeristen wissen genau, wenn das Projekt Kunstherbst durch Querelen innerhalb der Szene in den Sand gesetzt wird, dann schadet das nur allen, die hier Kunst machen - und auch verkaufen wollen.

Erst einmal: der ABC-Ausstellungsort im alten Postamt am Gleisdreieck ist sehr in Ordnung, zentral, licht, modern saniert und trägt noch die charmant-morbide Patina des alten Berlin. Dieser Standort atmet dreimal mehr Berlin als die stickigen Messehallen am Funkturm. Vor vier Jahren hat die ABC - als Konkurrenz zum Art Forum - am Gleisdreieck begonnen, mittlerweile steht fest, dass sie ihr nomadisches Dasein aufgeben wird, und die "Station" fortan festes Domizil sein soll.

Zwei Hallen werden bespielt, der Ausstellungsarchitekt Jan Ulmer hat dort eine im Zickzackkurs "mäandernde Schlange" als Ausstellungswand eingezogen. Ein Kilometer lang ist sie, geht man sie ab. Doch seien wir ehrlich, zumindest am Eingang wirkt sie eher wie ein Krokodil, das zuviel Bilderrahmen verschluckt hat. Doch, was eingangs noch kompakt wirkt, entpuppt sich schon nach einigen Metern als überraschend inspirierender Parcours mit Durch- und Einblicken, offen und geschlossenen Situationen, großen und kleinen Fluchten. Eines muss man der ABC lassen, ihre Flexibilität auf die veränderte Situation zu regieren, ist verblüffend. In nur drei Monten hat man sich von geplanten 60 bis 80 Positionen auf 130 Künstler vergrößert. Kaum verwunderlich, das Gros der 125 Galerien kommt schließlich aus Berlin. Zu den Platzhirschen zählen Neugerriemschneider, Klosterfelde, Eigen + Art, zu den ausländischen gehören Long March Space aus Peking oder Third Line aus Dubai.

"About Painting" heißt das diesjährige Motto. Das Thema ist breitgefächert genug, um wunderbar assoziativ und spielerisch zu sein. Deshalb finden wir auf der ABC auch Installationen, Fotos und Videos. Langweilig ist das auf keinem Meter. Es gibt neben den Berliner "Klassikern" der mittleren Generation wie Thomas Scheibitz oder Eberhart Havekost jede Menge zu entdecken. Dazu zählt auf jeden Fall André Thomkins, der zu den wichtigsten Schweizer Künstlern gehörte. Er entwickelte die kniffelige Technik des Lackskins, auf Wasser schwimmende "Zufalls"-Bilder. Durch blasen oder Strohhalme werden die dünnen Lackfarben "manipuliert". Über ein Blatt Papier wird das im Wasser entstehende Bild "abgerollt". Das Spontane des Vorgangs erinnert an Action Painting der Sechziger. Ganz anders und doch ähnlich kommen die "vermalten" Bilder des jung verstorbenen Jochen Klein daher. Tony Matelli zeigt mit "Faces" einen mit Staub und Alltagssymbolen bemalten Spiegel. Marlene Dumas, die Vollblutmalerin, präsentiert ein für eine Messe ungewöhnliches Bild, das durchlöchert ist: das Gesicht eines Holocaust-Überlebenden, 1990 für eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Amsterdam entstanden. Josef Kramhöller führt die Malerei mit seinen Vaseline-Gemälden aufs Glatteis der Kunstgeschichte. Joseph Beuys mit seinen Fettecken hätte das gefallen. Die ABC jedenfalls hat bewiesen, dass Leinwände durchaus eine Zukunft haben.

ABC , Station Berlin, Luckenwalder Str. 4-6. Do-Sa 12-21 Uhr. So 12-19 Uhr.