Film

Nach dem Akt ist vor dem Akt

Reden wir vom Sex. Ein Filmfestival kann nicht allein von Stars leben, es muss auch sonst von sich reden machen. Aber nicht immer provoziert ein Lars von Trier mit verbalen Entgleisungen. Verlässliche Aufreger sind immer deftige Szenen. Schon als bekannt wurde, dass Philippe Garrels "Un été brulant" in Venedig laufen würde, schlagzeilten die italienischen Blätter von Nacktszenen mit Monica Bellucci.

Das beschränkt sich indes, wie man dann sehen konnte, auf eine einzige Sequenz.

Gänzlich unbekleidet liegt die Diva da auf einem Bett und lockt den Zuschauer mit dem Finger, sie wirkt dabei aber so müde und apathisch wie der gesamte Film. Aber nun, pünktlich zur Halbzeit, hat Venedig mit Steve McQueens "Shame" endlich einen Film, der für Diskussionen sorgen dürfte. Vor drei Jahren hat der bildende Künstler in Cannes sein Regiedebüt präsentiert, "Hunger" über den Hungerstreik und -tod des IRA-Aktivisten Bobby Sands. Ein unglaublicher fesselnder, aber nur schwer zu ertragender Film. Und eine körperliche Tour de force für den Hauptdarsteller Michael Fassbender, der sich weit über die Grenzen des Gesunden hungerte.

Seinen zweiten Film versteht McQueen nun als Spiegelung des ersten. "Hunger" handelte von einem Mann ohne Freiheit, der seinen Körper als politisches Mittel einsetzt und so seine eigene Freiheit gewinnt. In "Shame" geht es um einen Mann, der alle Freiheiten hat, dem sein Sexhunger aber zum Gefängnis wird. Ein Sexsüchtiger, der ständig nach der schnellen Befriedigung giert, mit Huren, beim anonymen Fick im Hinterhof, im Internet, beim Masturbieren daheim und sogar im Büro. Wieder spielt Michael Fassbender die Hauptrolle. Und wieder wird der Part zu einem einzigen physischen Kraftakt. "Shame" ist eine einzige körperliche wie seelische Entblößung. Fassbinders physisches Spiel signalisiert zugleich virile Anziehungskraft und strikte Abwehr. Denn seine Figur ist unfähig zu jeder menschlichen Nähe, die länger als bis zum Orgasmus dauert. Und wird erst herausgefordert durch seine zerbrechliche, nach Nähe geradezu bettelnde Schwester (Carey Mulligan), die sich plötzlich bei ihm einquartiert. McQueen zeigt das alles, ohne es je voyeuristisch auszustellen oder gar spekulativ auszuschlachten. Ein distanzierter, kühler, fast klinischer Blick.

Leere Bilder eines leeren Lebens, die dennoch wohlkomponiert sind und die große Stilsicherheit dieses Film-Quereinsteigers verraten. Von Obsessionen ganz anderer Art handelt "Wilde Salomé". In Wildes Drama "Salome" giert Herodes nach seiner Stieftochter, der Dokumentarfilm des Hollywood-Veteranen Al Pacino bezeugt aber vor allem dessen eigene Obsession an dem Stück. Auf sein Regiedebüt "Looking for Richard" verfiel er 1996 auch nur, um sich selbst als Richard III. zu verewigen. Das Ganze wiederholt der 71-Jährige nun mit seiner Herodes-Rolle. Am Ende wurde die Bühnenproduktion ein Erfolg und der Film ein Reinfall, der nie ins Kino kam.

Aber Pacino hat diesen Moment des Scheiterns in einen Triumph umgewandelt. Er führt stattdessen durch die Welt des Stücks, ja die Welt des Oscar Wilde. Er lässt es sich nicht nehmen, Wilde selbst zu verkörpern. Vor allem aber hält er den gesamten Filmprozess mit der Kamera fest. Eine Selbstentblößung anderer Art. Zuweilen meint man sich sorgen zu müssen um diesen Pacino, dann ist man wieder fasziniert von seinem Genie. Seht her, scheint uns diese Doku zu sagen, nur um diesen Preis ist ein echter Künstler zu haben.