Film

Der Stolz des Lars von Trier: Endlich Persona non grata

Auf den Plakaten und Programmheften des Babylon zur Retrospektive von Lars von Triers Werken prangt ein König. Auf einem schweren Sessel logiert er, sein Blick ist ernst, zielgerichtet, geht nachdenklich in die Ferne.

Zu seinen Füßen liegt ein toter Rabe als Insignie. Jedem wird bei Betrachtung des Bildes klar, dass es ein außergewöhnlicher Anlass ist, zu dem das Babylon Kino am Samstag geladen hat. Alle Kinofilme, auch "Medea", zwei Kurzfilme und seine Fernseharbeiten werden bis 24. September zu Ehren des Regiekünstlers gezeigt. Der hatte sich nach dem Cannes-Eklat noch rarer als sonst schon gemacht und bewusst Pressekonferenzen gemieden. Umso erstaunlicher, dass er dann doch am Samstag Berlin beehrt: Lars von Trier ist tatsächlich gekommen und gibt eine exklusive Audienz.

Im Babylon wartet das Moderatorentrio Friedemann Beyer, Timothy Grossmann und Hanns-Georg Rodek auf den Gast. Keine Königsgestalt kommt die Treppe empor geschritten, sondern ein verschreckter Maulwurf, der unfreiwillig aus dem Untergrund gerissen worden scheint, tapst etwas gequält und desorientiert ans Licht.

Auf seinem Stuhl nimmt er die majestätische Pose wie auf dem Plakat ein, wirkt dabei aber noch wenig gefestigt, stammelt zur Begrüßung, er sei überwältigt hier zu sein, aber er hätte nicht kommen sollen. Als das erste Lacher erntet, wird ihm seine Position schnell wieder klar. Majestätisch erhebt er das Wort und berichtet mit einem maliziösen Lächeln von seinem letzten Deutschlandbesuch: "Das letzte Mal, als ich in Berlin war, habe ich auf den Teppich im Adlon gekotzt. Es war ein sehr weißer Teppich, die Reinigung war teuer."

Lars von Trier sucht nach einer Beleidigungshybris und das funktioniert in allen Kulturen durch die Beschimpfung der Mutter. "Ich gebe der Schlampe viel zu viel Kreativität.", erklärt er in Bezug auf die filmische Verarbeitung seines Traumas, "sie kontrolliert mein Leben von ihrem Grab aus." Von Triers Rache ist perfide. Die Mutter wollte nie den Nachnamen des Vaters annehmen. Von Trier ließ sie 20 Jahre unter genau diesem Namen unter der Erde. "Sie hätte das gehasst.", freut er sich. Dann würzt er seine Schimpfserenade noch mit einer Portion Cannes. Wie stolz er und seine Familie doch auf seine neueste Auszeichnung wären: Persona non grata. Das könne nicht jeder gewinnen. "So habe ich mich eigentlich schon immer gefühlt.", erklärt er und führt dabei ganz unbewusst die Hand aufs Herz.

Er erläutert das Prinzip der Provokation. "Ich schreibe Skripte, die komplett übertreiben. Dabei frage ich mich: Wie weit kann ich gehen und wie weit kann ich mit dem Publikum gehen? Die besten Filme sind die, in denen du lebst und dich einen Tag später fragst: Was zum Teufel war das?" Für von Trier ist die Provokation etwas Produktives. Sie wecke die Menschen auf, zeige Meinungen unverblümt. Er liebe Filme bei denen er nicht einverstanden sei. Grenzgänger ist er mit seiner eigenen Theatralik schon lange, seine Filme experimentieren geradezu mit der Realität, wie beispielsweise "Idioten". Gegen Schluss winkt er ab, ist den Fragen überdrüssig und erklärt augenzwinkernd: "Ich habe mich selbst lang genug gespielt." Falls der Maulwurf zu seinem Repertoire gehört, ist er wirklich gut.