Bühne

Geht ins Theater!

Die Sommerpause ist vorbei, die Theater werden zum Auftakt der neuen Spielzeit Premiere auf Premiere folgen lassen. So war es im Grunde schon immer, doch diese Saison könnte in der Tat außergewöhnlich werden.

1. Wiedergutmachung

Für Bühnenmenschen gibt es zwei wichtige Termine im Jahr: das Theatertreffen im Mai und die Bestenliste in "Theater heute" Ende August, gewissermaßen die Theater-Oscars. Zu beiden Anlässen hatten die großen Berliner Häuser in diesem Jahr keinen Anlass zum Jubeln. Diese Art des Rankings werde überschätzt, heißt es dann gern bei den Enttäuschten, aber natürlich ist dieses Leerausgehen ein doppelter Ansporn für die neue Saison.

Zumal einige der Top-Regisseure zuletzt enttäuschten wie Volksbühnen-Intendant Frank Castorf, der Ende September mit "Der Spieler" vielleicht an seine großen Dostojewski-Abende anknüpfen kann. Oder Michael Thalheimer, der bei seinem Schaubühnen-Regieausflug an der "Die Macht der Finsternis" scheiterte. Thalheimer, der einzelne Sätze aus Kritiken schon mal im Kreise seines Ensembles mit süffisantem Lächeln vorliest, wird versuchen, bei seiner Rückkehr ans Deutsche Theater an seine dortigen Erfolge anzuknüpfen: Dass er sich dabei Dea Lohers "Unschuld" ausgesucht hat, spricht für seinen Mut: Er gilt nicht gerade als Spezialist für zeitgenössischen Dramatik. Das könnte sich ab dem 29. September ändern.

Auch Claus Peymann hat noch eine Rechnung offen. Aus seiner Sicht allerdings nur eine mit dem Publikum. Nachdem seine Mark-Ravenhill-Inszenierung in der vergangenen Saison nicht den erhofften Zuspruch an der Kasse fand und - da ist Peymann konsequent - zum Ende der Spielzeit abgesetzt wurde, greift der Direktor des Berliner Ensembles wieder zu einem deutschen Klassiker: "Dantons Tod" von Georg Büchner kommt im November am Schiffbauerdamm heraus.

2. Duell der Dramatisierer

Über den Hang der Bühnen, Romane zu inszenieren, ist viel geschrieben worden. Dass sich das Theater damit selbst abschafft, wie manche Kritiker unken, lässt sich noch nicht erkennen. In Berlin, der Hochburg der Roman-Adaptionen, gibt es beglückende Gegenspiele wie "Anna Karenina", "Rummelplatz" oder "Gertrud" - allesamt am Maxim Gorki Theater zu sehen. Und es werden noch mehr. Schließlich hat sich die Bühne personell in diesem Bereich mit der Verpflichtung des Dramaturgen (und Roman-Dramatisierers) Jens Groß gezielt verstärkt - und startet gleich mit zwei dicken Wälzern in die Saison: Jorinde Dröse inszeniert Falladas wieder entdeckten Roman "Jeder stirbt für sich allein" (5. September) und Intendant Armin Petras widmet sich Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" (Premiere am 24. September). Später folgen Falladas "Der Trinker", Fontanes "Effi Briest" und Kleists "Das Erbeben in Chili".

Das heizt natürlich den Wettkampf mit dem Deutschen Theater (DT) an. Denn dort arbeitet mit John von Düffel (dessen Bearbeitung von Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" im April herauskommt) ein weiterer ausgewiesener Roman-Dramatisierer. Kürzlich haben sich die drei sogar mit demselben Stoff beschäftigt, mit Tellkamps Vorwenderoman "Der Turm": In Dresden kam die Uraufführung in der Version von Petras/Groß heraus, in Potsdam die Düffelsche Fassung.

3. Mehr Musik

Des Gedankens Blässe lässt sich trefflich mit Musik umspielen, aber das ist sicher nicht der Grund, warum in dieser Saison auf den Bühnen eifrig musiziert wird. Atmosphäre lässt sich mit Klängen halt leichter kreieren als mit Worten und die Genregrenzen spielen im Theater sowieso keine Rolle mehr. Das Grips Theater startet mit einem "singenden Umzug", so der Untertitel der Uraufführung "Schöner wohnen" in die neue Saison und in Thomas Ostermeiers Inszenierung "Maß für Maß" (Schaubühnen-Premiere am 17. September) spielt Nils Ostendorfs wie aus der elisabethanischen Epoche herübergewehte Musik eine tragende Rolle. Bei Christoph Marthaler wird traditionell bis zum Wegdämmern gesungen, der Schweizer Regisseur schlägt sein "subpolares Basislager" ab dem 8. September in der Volksbühne auf. Das Deutsche Theater plant für November mit "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs" ein "musikalisches Charles-Bronson-Projekt" mit Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger. Und an der Schaubühne müsste es schon mit dem Beelzebub zugehen, wenn Volker Lösch in seiner Inszenierung von "Des Teufels General" auf einen Chor verzichtet - auch wenn wohl der weniger singen und mehr skandieren wird.

4. Jubiläum

Normalerweise ist es ja so: Wenn Dichterjubiläen anstehen, machen die Bühnen gern einen Bogen drum. Bloß kein Gedenktage-Spielplan! Bei Kleist, dessen 200. Todestag sich im November jährt, gilt das glücklicherweise nicht. Das Kleistfestzelt wird im Maxim Gorki Theater aufgeschlagen, wo das Künstlerduo Höfner & Sachs das Haus in eine metaphorische Kleist-Welt umgestaltet. Im Rahmen eines fast dreiwöchigen Festivals vom 4. bis 21. November zeigt das Theater das gesamte dramatische Werk des Dichters (nur gut, dass nicht der Vielschreiber Georges Feydeau Jubiläum hat), also auch die selten gespielten Stücke "Die Hermannsschlacht" oder das Fragment "Robert Guiskard".

5. Das dreifache "Käthchen"

Berlin ist eine Bastion des Regietheaters - und das ist wunderbar. Denn dadurch ist es für das Publikum reizvoll, sich verschiedene Inszenierungen desselben Stücks anzuschauen. Da gleicht nicht mal ansatzweise eine Arbeit der anderen. Und deshalb freuen wir uns besonders auf den großen "Käthchen von Heilbronn"-Vergleich in dieser Saison. Den Auftakt macht Jan Bosse am Maxim Gorki Theater zur Eröffnung des Festivals. Anfang Dezember stellt dann Andreas Kriegenburg seine Interpretation des "Käthchens" am Deutschen Theater vor. Das Potsdamer Hans Otto Theater hält es mit den Gedenktagen klassisch - erst im Mai 2012 liefert Regisseur Ingo Berk dort den Post-Jubiläumsbeitrag ab. Eigentlich schade, dass das vierte "Käthchen" - Simone Blattners Inszenierung am Berliner Ensemble kam im Frühjahr 2010 heraus - nicht mehr gezeigt wird. Aber das hatte wohl gute Gründe (siehe 1).