Musikfest Berlin

"Wenn wir auf Tournee gehen, begleitet uns eine Delegation"

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Marco Frei

Eigentlich zählt Joseph Rounds zu den redefreudigen Musikern. Wenn er aber über das Philadelphia Orchestra sprechen soll, verfinstert sich sein Blick. "Philadelphia ist ein Kronjuwel. Es zerbricht uns das Herz, zu sehen, was unsere Kollegen dort durchmachen." Damit meint er den Konkurs, den der weltberühmte Klangkörper im Frühjahr anmelden musste.

Mit Mühe wurde die Europa-Tournee möglich: Heute Abend eröffnet das Philadelphia Orchestra das Musikfest Berlin. Rounds dagegen ist Hornist und Orchestervorstand beim Pittsburgh Symphony Orchestra (PSO), die eine Woche später mit Anne-Sophie Mutter als Solistin in der Philharmonie gastieren.

Philadelphia ist nicht weit weg von Pittsburgh, beide Städte liegen im US-Bundesstaat Pennsylvania. "Natürlich leben wir nicht in einer Blase", sagt Rounds. "Wenn eine Flutwelle von der Ostküste kommt, kann sie auch uns erreichen. Aber jede Stadt ist anders, wir sitzen nicht im gleichen Boot." Da ist sehr viel dran: Während sich in Philadelphia die Musiker und das Management des Orchesters feindlich gegenüberstehen, herrscht in Pittsburgh eine Atmosphäre der Offenheit. "Unsere Musiker wissen, wie die finanzielle Situation ist", sagt Mildred Myers. Seit sieben Jahren sitzt Myers im Kuratorium des PSO. "Unsere Musiker haben profunden Einblick in alle Bereiche. Wir verstecken nichts vor ihnen. Das unterscheidet uns von vielen Orchestern, und diese interne Kultur hat uns geholfen." Das zeigte sich jetzt wieder, als ein neuer Vertrag für die Musiker ausgehandelt wurde - pünktlich zur Europa-Tournee unter dem österreichischen Chefdirigent Manfred Honeck.

Kooperation mit Handelskammer

Im nächsten Jahr verzichten die Musiker auf fast zehn Prozent ihres Jahresgehalts, es liegt dann bei rund 100 000 Dollar. Im Namen der Musiker spricht Rounds von einer "tiefen Liebe zu unserem Orchester" und von einem "Bekenntnis zur Stadt Pittsburgh". Diese Reaktion ist ungewöhnlich und zeigt, dass das Management umsichtig und klug agiert.

In der einstigen Stahlstadt setzt man zur Krisenbewältigung auf Projekte mit Modellcharakter, wie die Kooperation des Orchesters mit der Pittsburgh Regional Alliance (PRA), der örtlichen Handelskammer. Die Idee stammt von PSO-Sprecher Jim Barthen, der Startschuss fiel 2006. "Wenn wir auf Tournee gehen, begleitet uns eine Delegation. In den europäischen Ländern und Städten, die wir bereisen, werden Geschäftpartner, Unternehmer oder auch Politiker zu unseren Konzerten eingeladen." Mit Erfolg, schon nach der ersten gemeinsamen Tournee 2006 wählte ein großes Unternehmen Pittsburgh als Zentrale für Nordamerika, auch gibt es inzwischen wieder Direktflüge nach Europa. Zugleich unternimmt das Orchester soziale Verantwortung.

Schwarze Musiker werden gefördert

In sogenannten "Outreach"-Projekten gehen PSO-Musiker auch in die sozialen Problembezirke der Region. Für junge, schwarze Musiker, die eine Laufbahn in Orchestern anstreben, wurde zudem ein spezielles Trainingsprogramm entwickelt, um die Chancen auf eine Stelle zu erhöhen. Es ist das erste Projekt dieser Art in den USA und ist weltweit ausgeschrieben. "Wir glauben absolut, dass Musikerziehung und soziale Verantwortung eine zentrale Mission unseres Orchesters ist", betont PSO-Mitarbeiterin Suzanne Perrio. Dass man damit auch Sponsoren und Geldgeber anlockt, ist ein weiterer Effekt.

Umso erstaunlicher ist es, dass andere Potenziale in Pittsburgh nicht genutzt werden. Obwohl Pittsburgh mit 320 000 Einwohnern überschaubar ist, bietet die Stadt ein ungewöhnlich reiches Kulturangebot. Leider mangelt es an Kooperationen. Da wäre etwa das Andy-Wahrhol-Museum, problemlos könnte man etwa eine kleine Kammerreihe organisieren.

Dafür aber kündigt Chefdirigent Manfred Honeck für 2013 das Festival "Music for the Spirit" an. Katholische, protestantische, jüdische, hinduistische, buddhistische und islamische Auffassungen sollen sich vereinen. Die ganze Stadt soll eingebunden werden, auch der Sport. Als Honeck Anfang Juni beim "Three Rivers Arts Festival" ein Open-Air-Konzert vor 15 000 Zuschauern leitete, stellte er selber eine soziale Kompetenz unter Beweis.

Das müssen heute Dirigenten mitbringen, gerade in den USA. Dass Pittsburgh jüngst zur "Stadt der Zukunft" gekürt wurde, lässt sich auch auf das Orchester übertragen: Die Potenziale sind enorm. Für Jesse Rosen, Vorsitzender der amerikanischen Orchestervereinigung LAO, steht jedenfalls fest, dass der Klangkörper in den USA als "positives Beispiel" vorangeht.

Musikfest Berlin: 3.9. Philadelphia Orchestra (Eröffnung), 11.6. Pittsburgh Symphony Orchestra Tel. 254 89 100

"Unsere Musiker wissen, wie die finanzielle Situation ist. Wir verstecken nichts vor ihnen"

Mildred Myers, Pittsburgh Symphony