Theater

Wenn Schauspieler auf der Bühne verunsichert werden

| Lesedauer: 3 Minuten
Georg Kasch

Am Ende ist Religion vor allem eine Frage der Deutungshoheit: Als der Schauspieler Niels Bormann nach einem Attentat blutüberströmt zusammenbricht, kann er seine Vision einer friedlichen Menschheit nicht mehr formulieren. Kaum haben seine Kollegen geschworen, seine Botschaft in die Welt zu tragen, beginnt der Kampf darum, was er denn eigentlich gemeint hat - schon ist eine neue Religion geboren, die jeder anders interpretiert.

Sind die Religionen an allem schuld? Ist Atheismus ungesund? Lässt sich Glaube auf ein Stückchen Stoff reduzieren? An der Schaubühne hat Yael Ronen mit "The Day Before the Last Day" (Der Tag vor dem letzten Tag) schon zum zweiten Mal mit einer deutsch-israelisch-palästinensischen Schauspielertruppe und großem Rechercheaufwand einen Abend zu brennenden Zeitfragen entwickelt. Wie im grandiosen "Dritte Generation", wo der unlösbare Nahostkonflikt und die Frage nach (historischer) Schuld diskutiert wurde, ist auch dieses Projekt über Glauben und Identität eine bestechend kluge Bestandsaufnahme. Und eine rasend komische, etwa mit der Pointe, dass sich Bormanns Mörder, lange vorher schon als dänischer Extremist angekündigt, als Hamlet herausstellt. Da spielt das Theater mit sich selbst.

Gut weg kommen die Religionen nicht: In live gedrehten YouTube-Videos feiern Extremisten ihren Glauben, im Marketing-Sprech preisen andere ihre Religion an: "Minimax" heißt der Slogan bei den Protestanten (minimaler Aufwand, maximale Wirkung), "Pope and more" bei den Katholiken. Orit Nahmias Werbung für's Judentum ist eigentlich ein einziger Ausschlusskatalog. Shredy Jabarin allerdings bricht seine Islam-Vorstellung ("die am schnellsten wachsende Marke") ab, weil er als Vision Juliano Mer-Khamis sieht, jenen Leiter des Freiheitstheaters im palästinensischen Jenin, der im April von Extremisten ermordet wurde.

So rauscht der Abend trotz des befreienden Gelächters über die Abgründe der Religionen mitten hinein in Momente echten Schmerzes. Aus Jabarins Verzweiflung über den Mord und seinen Alptraum, selbst Opfer eines Anschlags zu werden, entwickelt sich eine komplexe Identitätsdebatte: Ist das Selbstbild speziell von Arabern unabhängig oder wirft der Spiegel ihnen inzwischen nur noch das Zerrbild zurück, das seit dem 11. September 2011 von ihnen existiert? Fängt Befreiung, Emanzipation (oder gar Erlösung) nicht erst mal mit der Befreiung von diesem fremddefinierten Selbstbild ab?

Übergangslos flitzt der schnelle, kurze, gedankensatte Abend zurück in den geistreichen Witz, liefert auf jedes Argument ein Gegenargument und sichert sich mit Theateranspielungen ordentlich ab: Einmal merken die Schauspieler, dass sie gefangen sind im Text - sie können sagen, was sie wollen, die Übertitelung ist immer schon da. Plötzlich ist die Tür des Saals verschlossen, dafür rufen in den unmöglichsten Situationen die Eltern der Schauspieler per Videotelefon an und verteidigen ihre Religion. Dann wieder hagelt's Publikumsansprachen und Mitmachmomente.

Diese Verunsicherungsstrategien sind zwar nicht ganz neu, funktionieren aber dennoch hervorragend, weil die Schauspieler die Illusion, identisch mit ihren Rollen zu sein, in die Perfektion treiben. Und weil man ihnen einfach glauben möchte. Am Ende stehen Aussage gegen Aussage, Pro gegen Contra. Eine Entscheidung, ob und an was man glauben sollte, nimmt einem der Abend nicht ab. Aber allein die Diskussion ist den Gang in die Schaubühne unbedingt wert.

Schaubühne , Lehniner Platz, Charlottenburg. Termine: 3., 4., 30. September. Tel. 890 023