Ausstellung

Die Lücke beim Berliner Kunstherbst

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Gabriela Walde

Der Berliner Kunstherbst steht vor der Tür. Das Art Forum, Berlins Kunstmesse ist tot. Jetzt muss allein die Art Berlin Contemporary, kurz ABC, die Stellung auf dem Kunstmarkt halten. Der Zusammenschluss führender Berliner Galerien wollte einst ein Gegenentwurf zum Art Forum sein. Der Druck ist heftig, die Erwartungen groß - das spüren beim ABC alle.

Denn die Art Forum-Lücke will mit Substanz gefüllt werden. "Wir müssen in Berlin einen erfolgreichen Auftakt für die neue Saison bieten", sagt Galerist Jochen Meyer, der zusammen mit Joanna Kamm in diesem Jahr die ABC leitet. Wie will man sich künftig positionieren? Welches Format ist unter den neuen Voraussetzungen adäquat?

Der Hintergrund: "Die Messe Berlin zieht sich vorerst aus dem Kunstmessegeschäft zurück". So lautet der letzte Eintrag auf der Homepage vom 28. Mai 2011. Mehr ist nicht geblieben vom Art Forum, das nach längerem Gezerre um das richtige Profil und den passgenauen Termin bei einer Nacht-und Nebelaktion im Frühling beerdigt wurde. Ursprünglich war im Gespräch, dass Art Forum und ABC fusionieren, doch Begehrlichkeiten und Machtanspruch auf beiden Seiten waren zu groß, um sich einig zu werden. ABC blieb. Doch das agile Kunst-Kartell hat nicht nur Freunde, die Galeristen mussten sich als "Mafia" oder "elitäre Clique" kritisieren lassen.

Keine Kojen, sondern offene Wände

ABC, die nächsten Mittwoch eröffnet, will und wollte nie eine Messe sein, sondern eine unkonventionelle Verkaufsausstellung. Daher der hybride Charakter - ABC verzichtet bewusst auf die klassischen, beengten Messekojen, verkaufen freilich will man trotzdem. 3500 Euro kostet die Teilnahme am Gleisdreieck, deutlich weniger als beim Art Forum. In der "Station Berlin", dem ehemaligen Postfuhramt am Gleisdreieck begann die ABC vor vier Jahren, nun kehrt sie mit neuer Mission an diesen zentralen und mittlerweile sanierten Ort zurück. Die "Station" soll auch künftig der feste ABC-Standort sein, mit dem Betreiber wurde bereits verhandelt. Platz ist hier genug, das ist wichtig. Vor dem Aus des Art Forums war man bei ABC von 60 bis 80 Positionen ausgegangen. Nun hat sich die ABC auf rund 130 Positionen vergrößert, 120 nationale und internationale Galerien sind vertreten. Das Gros kommt freilich aus der Hauptstadt. Neben den bekannten Galerien wie Eigen + Art, Martin Klosterfelde oder Neugerriemschneider sind diesmal auch der Kunsthandel Wolfgang Werner vertreten, Neuankömmlinge sind der Long March Space aus Peking oder The Third Line aus Dubai.

Zwei historische Hallen, Nr. eins und Nr. sieben, wird man diesmal bespielen. Keine leichte Aufgabe, allein schon durch schiere Größe können sich Kunstwerke schnell in der Beliebigkeit verlieren, Wände gibt es ja nicht, und bei falscher Konzeption könnte das ganze schnell aussehen wie ein überdachter kruschiger Kreuzberger Flohmarkt. So hat sich Architekt Jan Ulmer, ehemals Kühn & Malvezzi, für eine mäandernde Schlange als Ausstellungsfläche entschieden, die sich im asymmetrischen Zickzack durch die Hallen windet. Über vier Meter hoch werden die Wände sein, das gibt "Raum und Platz für die Kunstwerke", schwärmt Jochen Meyer. "An der Ausstellungsarchitektur kann man von vorne bis hinten entlang laufen, ohne etwas zu verpassen." Anders als auf Messen gibt es nicht die Einteilung nach Galerien in ihren speziellen Kojen, sondern die Aufteilung orientiert sich an der Abfolge der Künstler, eben ganz wie bei einer Ausstellung. Bänke, die an den Außenwänden der Hallen aufgestellt sind, sollen Sammler, Käufer, Kunstliebhaber und Galeristen zusammenbringen. Das Konzept, eher eine Ausstellung zu sein als eine Messe, so Meyer, entspräche dem Charakter Berlins. "Berlin ist keine Messestadt, sondern Produktionsstandort, bedingt durch die Tatsache, dass hier rund 10 000 Künstler arbeiten. Das Experimentelle, die Offenheit, der ständige Wandel - das sind Themen." Insofern würde man sich sowohl inhaltlich als auch verkaufstechnisch fokussieren. Im Klartext heißt das wohl: Von den ganz großen Verkäufen träumt in Berlin kein Galerist.

Das diesjährige Motto lautet "about painting" und gibt sich breitgefächert. Gezeigt werden sollen neben dem klassischen Medium Malerei auch Videos, Installationen, Papierarbeiten und Skulpturen. Wie sagte Joseph Beuys schon in den 80er Jahren so schön: "Der Fehler fängt ja an, wenn man Pinsel und Leinwand kauft". Dass es hier tatsächlich nicht staubig um Flachware auf Leinwand geht, sieht man, sobald man die Künstlerliste studiert. Katharina Grosse, Thomas Hirschhorn, Valie Export, um nur einige zu nennen. Den Auftakt zur Schau bildet Grenzgänger Hans-Peter Feldmann. Rineke Dijkstra wird ein Video zeigen von Schülern, die im Museum Picasso malen. Thomas Hirschhorns Werke chanchieren zwischen Zeichnung, Schrift und malerischer Collage. Es soll also um "verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit Malerei gehen. Darum, dass Malerei vieles sein kann. Darum, dass es Zeit ist, den historischen Ballast abzuwerfen", so Meyer. "Es wird keine Schinkenschau!" lacht er.

Kooperation mit dem HAU

130 Positionen sind vertreten, maßgeblich ausgewählt durch die Kuratorin Rita Kersting, ehemals Direktorin des Kunstvereins der Rheinlande und Westfalen. Man darf gespannt sein, wie sie so unterschiedlich arbeitende Künstler wie Olafur Eliasson, Amelie von Wulffen oder Johannes Kahr kuratorisch stringent an die Wand-Schlange gebracht hat. Natürlich hat man auch für die ABC ein VIP-Programm zusammengestellt, allerdings in abgespeckter Variante als beim Gallery Weekend. Das Catering übernimmt das angesagt Grill Royal.

Das Beiprogramm allerdings findet diesmal nicht "draußen statt", sondern innerhalb der ABC-Schau. Damit die Besucher am Ball bzw. am Kunstwerk bleiben. Dabei kooperiert ABC mit dem Theater HAU. Drei Tage sollen innerhalb der Ausstellung Performances gezeigt werden von Künstlern, die auch für das Theater arbeiten wie Phil Collins oder Nevin Aladag. In Halle sieben wird es extra eine Bühne geben. Clevere Idee, ab 15. September findet im HAU nämlich das Festival "Testing Stage" statt, mit bildenden Künstlern wie Tobias Rehberger, Keren Cytter und Simon Fujiwara. Genau das Thema, um das die ABC locker kreist - denn mediale Grenzen schleifen sich immer stärker ab.