Kino

Popstar, bleib bei deinen Liedern

Es gibt Filmfestivals, da wartet und bangt man eine halbe Woche, es möge doch noch ein Film kommen, der aus dem Mittelmaß herausragen könnte. Wie anders in diesem Jahr: Nach dem gelungenen Auftakt mit Clooneys "Ides of March" wartet die Mostra, wie die Italiener ihr Festival nennen, schon am zweiten Tag mit einem neuen Highlight auf: Roman Polanskis Eheschlachteplatte "Gott des Gemetzels".

Zwei Ehepaare, hier Kate Winslet und Christoph Waltz, da Jodie Foster und John C. Reilly, treffen sich, weil ihre Kinder sich in der Schule geschlagen haben. Man will das unter Erwachsenen regeln, und als der Film beginnt, ist man eigentlich schon fertig. Aber dann bleibt man doch noch, und aus den Abschiedsworten entzündet sich eine neue, die eigentliche Diskussion. Der eine Junge war Opfer, der andere Täter, so scheint es zunächst. Doch der Kasus wird immer diffiziler und hat, wie man bald bemerkt, sehr viel mehr mit den Eltern zu tun, als diesen bewusst ist. Was anfangs noch mit Betroffenheit und Höflichkeit überspielt wird, bricht sich bald unverhohlen Bahn.

"Der Gott des Gemetzels", der erst am 24. November in unsere Kinos kommt, basiert auf Yasmina Rezas gleichnamigem Erfolgsstück. Reza hat mit Polanski auch das Drehbuch geschrieben und die Handlung von Paris nach New York verlegt, was ziemlich egal ist, da der Schau- und Kampfplatz ausschließlich diese eine Wohnung darstellt. Polanski inszeniert so raffiniert, dass man die Beschränktheit von Raum und Zeit schnell vergisst. Mit Kammerspielen hat der 78-Jährige Erfahrung, man denke nur an "Der Tod und das Mädchen", ebenfalls eine Bühnenadaption, in der es auch um einen Täter und ein Opfer geht.

"Gott des Gemetzels" ist sein erster Film nach der Fußfessel. Und vielleicht nicht zufällig ein Kammerdrama, das auf engstem Raum spielt und dass man zur Not auch in seinem Chalet in Gstaad hätte inszenieren können. Es ist aber vor allem ein großes Geschenk, ja ein einziges Fest für seine exzellenten Darsteller, von denen man gar nicht sagen kann, ob sie als Ensemble brillieren oder sich permanent gegenseitig an die Wand spielen. Waltz ist abermals an Aasigkeit nicht zu übertreffen, Winslet aber kotzt Tiraden heraus. Für jeden gibt es hier große Szenen. Wir schreiben erst Tag zwei des Festivals und verbuchen schon so viele Kandidaten für die Schauspielerpreise.

Eine Paardoppelung ganz anderer Art beschert uns dagegen Madonna mit ihrem zweiten Regiefilm "W.E.", der hier außer Konkurrenz läuft. Als erste Schnipsel auf der Berlinale gezeigt wurden, erfuhr man, dass es hier um die Liebe zwischen der verheirateten Bürgerlichen Wallis Simpson und dem Thronfolger Edward VIII. ging, die bekanntlich zur Abdankung und einer Staatskrise führte. Pech für Madonna, dass "The King's Speech" die Geschichte gerade ganz anders erzählt hat, aus Sicht des stotternden Bruders, der stattdessen König wurde. Wallis wie Edward erschienen da eher wie eitle Egoisten. Wie soll man das nun wieder als Jahrhundertliebe inszenieren? Madonna geht indes einen ganz anderen Weg. Sie erzählt von einem zweiten Paar. Von einer Wallie, die 1998 auf einer Sotheby's-Ausstellung in New York Devotionalien (und das Leben) des historischen Liebespaares wandelt und dabei einen russischen Wärter namens Evgeni kennenlernt. Zwei W's. Zwei E's. Zwei unstandesgemäße Beziehungen. Popstar, bleib bei deinen Liedern. Man wünschte Madonna, dass sie einen Regiekurs bei Polanski belegen könnte.